Der Pastor hinter der Bar

Es ist 23:30 Uhr im Bebop. Der große Ansturm ist vorbei. Im Hintergrund läuft eine Platte von Norah Jones, im Spülbecken klirren einige Gläser und ein, zwei Leute sind ein wenig enttäuscht, dass gleich schon Feierabend ist. Eigentlich ist Norah Jones viel zu ruhig für so eine späte Stunde, vielleicht aber auch genau richtig, um langsam runterzufahren. Ich wische über den Tresen, poliere ein paar Getränkeränder weg und schiebe noch ein letztes, frisches Bier über die Theke.

In diesen Momenten bin ich nicht „Redner“, „Visionär“ oder „Digital-Experte“. Ich bin einfach nur ein Mann mit dem Lappen in der Hand. Aber genau hier, neben Zapfhahn und Barhocker, fanden einige der ehrlichsten Gespräche statt, die ich je geführt habe.

Wo ist der Unterschied zwischen Kanzel und Theke?

Es gibt ein interessantes Phänomen. Wenn Menschen in eine Kirche gehen, verändern sie sich. Man spricht leiser, verhält sich andächtig und weiß um die heilige Halle. Manchmal zieht man sogar noch bewusst den Sonntagsanzug an. Kurzum: Man verstellt sich ein wenig. An der Theke ist das Gegenteil der Fall. Bier, schummeriges Licht und abendliche Stunden senken manche Barrieren. Leute werden ehrlicher.

Die Menschen hier wissen, dass ich Pastor bin. Aber ich bin in einer anderen Rolle und als Gastronom ganz anders greifbar. Am Tresen traut man sich Dinge auszusprechen, die man in einem formellen Rahmen nie über die Lippen bringen würde. Hier geht es nicht um theologisch korrekte Auslegung. Hier geht es um das echte Leben, die Angst um den Job, die Probleme in der Familie, die Erkenntnis des Älterwerdens. Manchmal auch um die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden.

Gibt es eine Theologie der Gastronomie?

Im Bebop habe ich mehr über Demut gelernt als im ganzen Theologiestudium. Demut heißt an dieser Stelle für mich nicht nur, sich klein zu machen. Es bedeutet, sich voll in den Dienst einer Sache zu stellen, sich dieser Sache zu unterstellen. Wenn die Hütte brennt, zählt nur eines: Das Ding muss funktionieren!

Passt der Sound am Mischpult? Ist das Bier kalt – und vor allem genug da? Fühlen sich die Gäste gesehen? Sind die Gläser sauber und die Toiletten gepflegt? Liegen genug Kissen im Biergarten und macht jemand das Glas weg, das eben auf den Boden gefallen ist und für Scherben gesorgt hat? All das und noch viel mehr gehört zur Gastronomie, immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und einem netten Wort im Mund.

In dieser Rolle gibt es keinen Platz für ein eigenes Ego. Man ist einzig und alleine dafür da, den Menschen genau das anzubieten, was sie in diesem Moment gebrauchen können. Manchmal besteht das Leben halt aus den ganz einfachen und handfesten Dingen. Diese einfachen Dinge bedeuten dann theologisch eine ganze Menge. Wer solche Demut zu leben gelernt hat, weiß, kann Menschen ehrlich und aufrichtig begegnen und für sie da sein.

Lass es mich radikal provokativ sagen: Wer nicht bereit ist, Schweißgeruch in vielen Facetten zu ertragen, parallel hin und wieder verschüttetes Bier wegzuwischen und dabei Spaß zu haben, sollte gar nicht erst versuchen, Menschen den Weg in den Himmel zu erklären.

Zuhören ist eine aussterbende Kunst

Wir leben in einer lauten Welt. Jeder will senden, jeder will seine Meinung platzieren, jeder produziert irgendwie „Content“, sei es nur für den eigenen WhatsApp Status. Am Tresen geht es viel mehr um das Gegenteil, das Schweigen. Echtes Zuhören bedeutet, den Impuls zu unterdrücken, sofort eine Lösung oder einen Bibelvers parat zu haben.

Echtes Zuhören bedeutet, sich manchmal auch zum dritten Mal eine Geschichte anzuhören oder einfach mal zu nicken, wenn jemand mit hochtrabenden Worten erklärt, dass er so gerne zu dir kommt, weil bei dir nun mal so wenig mit hochtrabenden Worten geredet wird.

Oft reicht dieses Nicken. Am Tresen kann ich die Welt nicht verändern. Aber ich kann im Moment da sein und danach dann das nächste Glas füllen. Keine Lösungen suchen. Nichts reparieren. Einfach nur da sein. In einer lauten Welt braucht es Momente der stillen Präsenz. Vielleicht sogar das kostbarste Gut, das wir als Seelsorger im Jahr 2026 anbieten können – egal, ob in einer Kneipe im Dietzhölztal, im digitalen Raum, auf Abenteuerreisen oder schlicht und einfach im pastoralen Dienst.

Am Ende fließt wieder alles zusammen.

Nach einigen Stunden Schlaf werde ich wieder auf der Kanzel stehen. Ich genieße es. Natürlich mag ich meine Berufung als Prediger und gebe mir viel Mühe gute Predigten abzuliefern. Ich genieße aber viel mehr, dass ich am Abend vorher am ganz normalen gesellschaftlichen Leben teilgenommen habe.

Die Menschen im Pub scheren sich nicht um Follower-Zahlen oder meine SEO-Strategien. Sie interessieren sich nicht für meine Ekklesiologie oder digitale Tools für Gemeindegründung. Nur selten kommen wir ins Gespräch über die schönen Reisen und andere Angebote. Sie wollen hauptsächlich eines: Kühle Getränke und ein ehrliches Gegenüber.

Diese Erdung fließt in alles ein, was ich tue. Klar. Am Tresen bekomme ich die ehrlichsten Rückmeldungen wie Predigten ins Leben passten, welche Reels und welche Blogbeiträge wirklich den Punkt getroffen haben.

Echtes Leben ist hybrid, immer.

Für mich gibt es keine klare Trennung mehr zwischen heilig und profan, zwischen fromm und weltlich. Der Moment, in dem jemand am Tresen zum ersten Mal seit Jahren wieder über seine Hoffnung spricht, ist für mich genauso heilig wie ein intensiver Gottesdienst. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, weil er so unerwartet und roh ist.

Hinter der Bar zu stehen, erinnert mich jeden Tag daran: Wir sind alle Suchende. Wir brauchen alle wen, um über den Sinn des Lebens zu philosophieren. Manchmal beginnt genau diese Suche nach dem Sinn des Lebens einfach mit einem guten Gespräch und einem kühlen Bier.

Teilen

Newsletter

Mein Lieblingsmoment der Woche. Ein wöchentlicher Newsletter mit kurzen Impulsen und Momentaufnahmen aus dem Leben eines Pastors.

Kostenlos anmelden:

Termine

Keine Einträge vom 26. April 2026 bis zum 26. Mai 2026.

Werbung

instax mini 12™ Mint-Green
instax mini 12™ Mint-Green
Unverb. Preisempf.: 89,99 €
73,90 €
Sie sparen 16,09 €

Trauerfeiern

Sie brauchen einen Trauerredner? Hier können Sie mich schnell kontaktieren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert