Wenn die Kirchenbänke leer bleiben

Der Kirchenaustritt ist nicht das Ende der Suche.

Vor kurzem habe ich ein Meme gesehen. Ein Diagramm mit zwei Linien. Die Linie der Kirchenmitglieder ging steil nach unten und parallel entwickelte sich die Linie mit Beratern für Kirche und Gemeinde weit nach oben. Ein fieses Bild für eine noch miesere Realität.

Die Zahlen sind kein Geheimnis mehr. Sie rollen wie eine Lawine über das Land. Jahr für Jahr geben tausende Menschen ihre Mitgliedschaft in der Kirche ab. Schon seit meinem Theologiestudium wird darüber debattiert. Man sucht Gründe, findet Wege der Erneuerung, kann den Trend aber nicht aufhalten. Es steht fest: Menschen ohne Gemeinde- oder Kirchenzugehörigkeit sind in Deutschland längst in der Mehrheit.

Warum ändert sich dieser Trend nicht? Vielleicht liegt es daran, dass die Diskussionen manchmal geführt werden, als ginge es um die Insolvenz eines mittelständischen Betriebs. Man arbeitet mit Strukturreformen und neuen Formaten und bedient sich wie selbstverständlich aus den bekannten Werkzeugen der Wirtschaft, um einem bedrohlichen Glaubensverlust zu begegnen. Wir können heute aber auch kein Megatrend in einem kurzen Blogbeitrag behandeln. Mir geht es um eine ganz andere, elementare Frage:

Geht es beim Kirchenaustritt wirklich um den Glauben?

Wenn ich dann aber am Tresen im Bebop stehe, abends an der Poolbar in Griechenland sitze oder mit einer Familie eine Trauerfeier vorbereite hört sich die Geschichte plötzlich ganz anders an.

Ja, ich habe in den vergangenen Jahren hunderte Menschen kennengelernt, die mit ihrer Kirche oder Gemeinde nichts mehr zu tun haben möchten. Viele haben dies auch durch den formalen Austritt quittiert. Bei den Landeskirchen wird oft das Thema der Kirchensteuer angeführt. Es geht aber noch um etwas viel Tieferes.

Die Menschen treten nicht aus, weil sie plötzlich beschlossen haben, dass es keine existentiellen Fragen mehr im Leben gibt. Sie treten auch nicht aus, weil sie von jetzt auf gleich mit Gott nichts mehr zu tun haben wollen. Die meisten, die ich kennengelernt habe, haben nachgedacht, gerungen und nicht selten auch oft den Mund geöffnet. Letztendlich haben sie dann eine Entscheidung getroffen, weil Antworten und Glaubwürdigkeit der Institutionen nicht mehr zu ihrer Lebensrealität passen.

Menschen spielen in diesem Spiel die größte Rolle!

Hin und wieder habe ich zu dem Thema den Spruch gehört: „Bei uns menschelt es halt.“ Damit ist gemeint, dass auch die Leute in der Gemeinde keine Heiligen sind und hin und wieder unverständliche Dinge tun. Naja, theologisch sind sie auf jeden Fall Heilige, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aber nicht. Ehen werden geschieden, Leute sind angetrunken in der Kneipe anzutreffen, manchmal fallen sogar böse Lästerworte. Das kann man mit menscheln nicht einfach bagatellisieren.

Ich will da ehrlich sein: Ich muss mich selbst da überhaupt nicht rausnehmen. Es gibt Menschen, die wegen mir nichts mehr mit Gemeinde zu tun haben wollen. Manchmal funktioniert es auf der zwischenmenschlichen Ebene einfach nicht richtig. Manchmal werden aber auch hunderte Probleme auf den Pastor projiziert. Klar, als Leiter habe ich Verantwortung – als Leiter bin ich aber nie der Hirte, der nach jedem verlorenen Schaft suchen muss. Das ist die Aufgabe von Jesus. Der Leiter muss sich manchmal eher um die 99 kümmern und den bedrohlichen Wolf in seine Schranken weisen.

Ja, es menschelt manchmal. Trotzdem ist dieser Spruch richtig daneben. Man kann doch kein Bild von einer perfekten Gemeinschaft mit so dummen Worten rechtfertigen, wenn plötzlich systematischer Kindesmissbrauch oder offenkundiger Faschismus in die Öffentlichkeit gelangen. Genau das ist eines der Grundprobleme, wegen denen Menschen gehen. Viele Gemeinden haben leider verlernt, eine gesunde Form von Ordnung zu erhalten.

Es braucht gute Ordnung

Vor zwanzig Jahren nannte man Ordnung in Gemeinde noch Gemeindezucht, damit will man heutzutage am liebsten nichts mehr zu tun haben. Wenn überhaupt kümmert man sich noch um Menschen die homosexuell empfinden oder vor der Ehe in den Urlaub fahren. Die Gesellschaft nimmt aber andere Probleme wahr. Merkste? Die Lebenswelten in unserem Land haben sich radikal voneinander weg entwickelt. Trotzdem diskutieren Gemeinden nach passenden Grenzen für Probleme, die Außenstehende als Normalität wahrnehmen.

Die größten Probleme in meinem Leben habe ich nicht mit Menschen bekommen, die sich für andere einsetzen, Nächstenliebe praktizieren oder die Schwachen unterstützen wollen. Die größten Probleme haben die gemacht, die Ordnungen aus vergangenen Zeiten hochhalten wollten und dafür alles geben. Genau das ist ein weiteres der Grundprobleme. Man kann gut verstehen, dass Menschen in einer orientierungslosen Gesellschaft keinen Bock auf Leute haben, die wie ein Fähnlein im Wind auf all das schießen, was nicht in ihr Weltbild passt.

Der Austritt ist oft eine ehrliche Meinungsäußerung.

Nein, ich nehme es niemandem übel, der geht. In der betaKirche haben wir schon viele Menschen verabschieden müssen. Im Gegenteil: Eigentlich ist der Austritt doch ein Akt der Redlichkeit. Wer sich in den allwöchentlichen Ritualen nicht mehr findet, wem die Sprache der Kirche wie ein fremder Dialekt vorkommt, wer keine geistliche Heimat mehr erlebt, zieht die Konsequenz.

Entscheidend für mich als Freikirchler muss hier natürlich sein, dass ich mich nicht auf dem Boden einer allgemein wahrgenommenen Modernität ausruhe und nur auf die anderen, großen Kirchen blicke. Es geht auch um uns, wenn unsere Gemeinden vielerorts weit über 100 Jahre alt sind und in dritter oder vierter Generation der Familiengeflechte gelebt werden.

Die Sehnsucht bleibt – selbstverständlich

Als Pastor treibt mich neben den angeführten Gründen ein viel wesentlicherer Gedanke um: Der Austritt aus der Institution ist kein Austritt aus der Sehnsucht.

Die Fragen bleiben:

  • Was bin ich Wert und wer ist für mich da? Wer liebt mich, wer begleitet mich, grade auch dann, wenn ich durch schwere Zeiten gehe?
  • Wo finde ich echte Sicherheit und Ruhe in einer Welt, die mich mit 24/7-Erreichbarkeit und bösen Nachrichten zermürbt?
  • Wie finde ich Sinn in meinem Leben, der einen wirklichen Unterschied macht? Warum existiere ich? Wie kann ich mit meinem Leben etwas in dieser Welt bewegen? Was gibt es, was über den nächsten Gehaltscheck hinausgeht und am Ende der Rente nicht endet?

Seelsorge ohne Mauern

Ich habe für mich mittlerweile beschlossen: Ich möchte da sein, wo die Menschen sind. Nicht nur da, wo sie laut Gemeindekartei sein sollten.

Deswegen sitze ich an meinem Thinkpad und baue an der betaKirche. Deswegen organisiere ich Reisen nach Malta oder in norwegische Weite. Nicht, um dort „Mission“ zu betreiben, sondern um Räume zu schaffen, in denen man einfach nur sein darf. Ohne den Druck, in eine bestimmte Form passen zu müssen.

Kirche 2026 bedeutet für mich: Wir müssen aufhören, die Leute zu fragen, warum sie gehen. Wir müssen uns fragen, wie wir für sie da sein können, wo sie sich aktuell aufhalten.

Wir müssen aufhören, die Leute zu fragen, warum sie gehen. Wir müssen uns fragen, wie wir für sie da sein können, wo sie sich aktuell aufhalten.

Simon Birr

Die Tür bleibt offen – auch ohne Kirchenkarte

Vielleicht hast du deine Karte schon abgegeben. Vielleicht überlegst du noch. Was ich dir sagen will: Für ein ehrliches Gespräch, für einen Moment der Stille oder für eine Begleitung an den Wendepunkten deines Lebens brauchst du kein Formular. Gott ist nicht an eine Mitgliedsnummer gebunden. Deine Gemeinde auch nicht.

Was auch immer dich für eine gewisse Distanzierung angetrieben hat: Gott ist ein Gott neuer Anfänge und wiederkehrender Möglichkeiten. Ich bin sicher, dass es in nicht allzu ferner Nähe eine Gemeinde von Christen gibt, die dich gerne willkommen heißen. Grade in Zeiten von Digitalisierung sind wir auch überhaupt nicht mehr an regionale Grenzen gebunden. Mit der betaKirche gibt es eine Onlinekirche, die du von der ganzen Welt aus erreichen kannst.

Vielleicht wäre ein Gespräch eine erste konkrete Hilfe. Ich hätte auf jeden Fall Zeit. Also wenn du meinst, da geht noch was, lass uns gerne einmal kennenlernen.

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