Kommen deine Gedanken auch abends?

Dein Tag beginnt wie viele andere. Aufgaben stehen fest, Termine greifen ineinander, Verantwortung ist klar verteilt. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Tag anders enden wird als die meisten. Ich gehe in solche Tage hinein, erledige, entscheide, reagiere. Nicht außergewöhnlich, nicht überfordernd. Einfach ein Tag, der läuft.

Im Lauf des Tages verdichtet sich etwas. Gespräche bleiben hängen, Entscheidungen fordern mehr Aufmerksamkeit als geplant. Es gibt keinen klaren Gegner, kein sichtbares Problem, nur diese leise Spannung, die entsteht, wenn zu viele Dinge gleichzeitig Bedeutung haben. Ich gehe weiter, weil Weitergehen dazugehört. Das ist der bekannte Teil des Weges.

Erst am Abend, als alles erledigt scheint, kommt der eigentliche Bruch. Die Räume sind leer, die Stimmen verstummt, der äußere Druck ist weg. Und genau dort, wo normalerweise Erleichterung einsetzen müsste, bleibt etwas offen. Gedanken tauchen auf, ungeordnet, ohne klare Richtung. Fragen, die tagsüber keinen Platz hatten, melden sich zurück. Nicht laut, aber hartnäckig. Es ist der Moment, in dem klar wird: Der Tag ist nicht vorbei, nur weil nichts mehr zu tun ist.

Ich könnte versuchen, Antworten zu finden. Den Tag analysieren, Entscheidungen bewerten, gedanklich korrigieren. Das wäre der vertraute Reflex. Stattdessen bleibe ich sitzen. Nicht aus Ratlosigkeit, sondern weil ich merke, dass hier kein Kampf wartet, sondern eine andere Aufgabe: Aushalten, dass es kein Fazit gibt. Der Held muss nicht siegen, sondern lernen, nicht alles aufzulösen.

Langsam verändert sich etwas. Nicht im Außen, sondern im Inneren. Die Gedanken verlieren ihre Schärfe. Sie sind noch da, aber sie treiben nicht mehr. Ich verstehe, dass dieser Teil des Weges dazugehört. Dass Nachhall kein Fehler ist, sondern ein Zeichen dafür, dass etwas Bedeutung hatte. Die Rückkehr besteht nicht darin, etwas mitzubringen, sondern etwas loszulassen.

Als ich schließlich aufstehe und das Licht ausmache, ist nichts gelöst. Aber etwas ist integriert. Der Tag darf gehen, ohne abgeschlossen zu sein. Ich gehe nach Hause, nicht leichter, aber ruhiger. Und mit dem Wissen, dass genau das die Veränderung ist, die bleibt.

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