Warum der Himmel an Silvester laut werden darf

Jedes Jahr dieselbe Choreografie

Böllerverbot Silvester? Ich bin dagegen. Ich werde es nie vergessen. Horst-Henry, meine dritte Katze, möchte jedes Jahr Silvester raus. Dieses Silvester wieder. Ich ließ ihn nicht. Er war sauer. Als die erste Batterie angezündet wurde, hatte er Angst, viel Angst.

Ist das aber ein Grund, um Böller abzulehnen?

Noch bevor der erste Böller gezündet ist, steht für viele fest, dass Silvester wieder ein moralischer Ausnahmezustand wird. Wer Feuerwerk nicht grundsätzlich ablehnt, gilt schnell als rückständig, ignorant oder zumindest schlecht informiert. Die Argumente sind immer dieselben, die Tonlage wird jedes Jahr schärfer – und die Bereitschaft, einander überhaupt noch zuzuhören, immer geringer. Ich hab Mitternacht trotzdem etwas Alarm gemacht.

Ich halte das für ein Problem!

Die Diskussion ist schon lange da. Aber was machen wir dann? Ich fühle mich in den letzten Jahren zunehmend genervt von Pseudoargumentationen und irgendwelchem Ökogelaber.

Nein, nicht, weil es keine guten Gründe für Kritik am Feuerwerk gäbe. Sondern weil die Debatte längst nicht mehr ehrlich geführt wird. Sie ist moralisch aufgeladen, ideologisch verengt und erstaunlich wenig bereit, Ambivalenz auszuhalten.

Der Wow-Moment, über den niemand reden will

Fangen wir mit dem an, was in dieser Diskussion fast nie vorkommt, obwohl es für Millionen Menschen der eigentliche Kern ist: Der Wow-Moment. Ein Böllerverbot Silvester verkennt die Emotionen von weit über 80 Millionen Deutschen.

Dieser kurze Augenblick um Mitternacht, wenn der Himmel aufreißt. Wenn Farben explodieren, Geräusche alles andere überlagern, und für ein paar Minuten nichts mehr zählt außer Staunen. Kein Alltag. Keine Effizienz. Keine Kontrolle. Nur dieser eine Moment, in dem das Alte vorbei ist und das Neue noch offen.

Man kann das banal finden.
Oder kann es kitschig nennen.
Oder man kann es persönlich nicht mögen.

Aber man sollte ehrlich genug sein, um anzuerkennen: Dieser Moment macht etwas mit uns Menschen. Und zwar nicht oberflächlich, sondern tief im Gefühlsleben. Er markiert Übergang. Ende. Anfang. Unterbrechung. Nicht nur von Freunden empfohlen, sondern tief in unserer Kultur verankert. Für viele, wirklich sehr viele, ist das einer der wenigen Momente im Jahr, der sich wirklich anders anfühlt als der Rest. Ja, in den letzten Jahren hat die Zahl der Zugucker deutlich zugenommen, dafür haben wir ja aber auch noch die Macher!

Natürlich bleibt ein Feuerwerk nicht ohne Folgen. Dass wir das kaum noch benennen dürfen, ohne uns rechtfertigen zu müssen, sagt mehr über unsere Debattenkultur als über das Feuerwerk selbst.

Ja, Feuerwerk hat Folgen. Nein, das ist kein Geheimnis.

Natürlich ist Feuerwerk laut.
Natürlich reagieren Tiere darauf.
Natürlich gibt es Orte, an denen Feuerwerk nichts verloren hat.
Ein Böllerverbot Silvester ändert da gar nix.

Ich lebe auf dem Dorf. Ich habe Tiere. Ich weiß, wovon ich rede. Am Silvesterabend kümmere ich mich zuerst um meine Pferde und Katzen. Ich sorge dafür, dass sie geschützt sind, dass sie Rückzugsräume haben, dass unnötiger Stress vermieden wird.

Das ist Verantwortung.

Aber Verantwortung bedeutet nicht, alles zu unterlassen, was irgendwen potenziell stören könnte. Verantwortung bedeutet, bewusst abzuwägen. Und genau diese Abwägung fehlt mir in der aktuellen Diskussion.

Meine Tiere reagieren unterschiedlich. Eine Katze ignoriert das Feuerwerk fast vollständig, setzt sich um 00:12 Uhr unter die ultimativ geschützte Treppe. Eine zweite zieht sich zurück – so wie bei unangekündigtem Besuch und chillt seine Base unterm Bett. Die dritte ist irritiert, schaut nach, versteckt sich für 12 Stunden an genau den Punkten, die Nummer 1 ihm gezeigt hat, wenn er seine Ruhe haben wollte. Alle drei gehen am nächsten Tag wieder raus und prüfen die Lage. Das ist Realität. Nicht idealisiert. Nicht dramatisiert.

Wer daraus eine einfache Leidensformel machen will, tut so, als sei die Welt schwarz-weiß. Sie ist es nicht.

Drei Stunden im Jahr – und der Verlust des Maßes

Was mich besonders irritiert, ist der Verlust jeder Verhältnismäßigkeit. Wir reden nicht über Dauerlärm. Nicht über Wochen. Nicht über Tage. Wir reden über wenige Stunden im Jahr. Extrem gerechnet: drei.

Drei Stunden von 8.760.

Und trotzdem wird so argumentiert, als ginge es um einen permanenten Ausnahmezustand. Als müsse man die Gesellschaft vor sich selbst schützen. Als sei Freiheit grundsätzlich verdächtig, wenn sie laut, emotional oder nicht perfekt geregelt ist.

Das ist kein verantwortungsvoller Diskurs mehr. Das ist Moralisierung.

Ein Blick über den Tellerrand hilft

Wer glaubt, Deutschland sei mit dieser Debatte allein, irrt. In ganz Europa und weltweit ringen Gesellschaften mit genau derselben Frage: Wie viel Freiheit, wie viel Regulierung, wie viel Rücksicht?

Die meisten Länder gehen nicht den Weg eines Totalverbots. Sie regulieren, begrenzen, schützen sensible Bereiche. Aber sie lassen den Moment. Weil sie verstanden haben: Man kann Risiken reduzieren, ohne das Erlebnis vollständig zu eliminieren.

Warum tun wir uns so schwer damit, genau das auch hier zu denken?

Die Bürger sind nicht das Problem

Was mich fast am meisten stört, ist das unterschwellige Menschenbild hinter vielen Verbotsforderungen. Es lautet: Die Leute sind unvernünftig oder gar dumm. Sie können nicht mit Freiheit umgehen. Man muss sie erziehen, lenken, begrenzen. Leute! Ich schieße von Herzen gern an Silvester Feuerwerk! Ich gebe dafür keine Unsummen aus. So viel Geld habe ich eh nicht. Aber lasst mich doch bitte mal machen. Ich bin weder dumm, noch unverantwortlich, noch assozial!

Guck dir die Realität der Bürger an!

Die gleichen Menschen, die an Silvester Feuerwerk für Millionenbeträge kaufen, spenden im Laufe des Jahres Milliardenbeträge an gemeinnützige Organisationen. Sie sind engagiert. Sie übernehmen Verantwortung in den Vereinen. Sie haben Familie, Freunde, manchmal sogar noch eine Gemeinde. Sie sind keine rücksichtslosen Egoisten, die einmal im Jahr „durchdrehen“. Sie leben ihre Tradition.

Sie sind keine rücksichtslosen Egoisten, die einmal im Jahr „durchdrehen“. Sie leben ihre jahrhundertealte Tradition.

SB

Lass es uns an mir selbst fest machen. Simon, kleiner Pastor auf dem Dorf. Spenden ungefähr 5200 im letzten Jahr. Parallel noch nen Kulturverein gegründet. Ausgaben für Böller, wie jedes Jahr, weit unter 50 Euro. Es geht um den Moment. Der darf auch mal nen Fuffi kosten. Ja, es gibt andere – wollen wir wegen anderen aber Gesetze machen?

Bürger sind die Grundlage unseres Landes

Bürger dürfen erwarten, dass man ihnen zutraut, Verantwortung zu tragen.

Freiheit ist nicht bequem. Und genau das ist ihr Wert.

Vielleicht ist das der eigentliche Konflikt: Freiheit ist nicht glatt. Sie ist nicht immer leise. Sie ist nicht vollständig kontrollierbar. Und genau deshalb macht sie vielen Angst.

Aber eine Gesellschaft, die nur noch das erlaubt, was niemanden stört, niemanden aufregt und niemanden nervt, verliert etwas Entscheidendes. Sie verliert ihre Fähigkeit, Spannungen auszuhalten. Emotionen zuzulassen. Ausnahmezustände zu ertragen.

Der Jahreswechsel ist so ein Ausnahmezustand. Kurz. Intensiv. Einmal im Jahr.

Ich will in einem Land leben, in dem man sich um Tiere kümmert und feiern darf.
In dem Verantwortung eingefordert wird, ohne Freiheit reflexhaft abzuschaffen.
In dem nicht jede Tradition ideologisch seziert wird, bis nichts Lebendiges mehr übrig bleibt.

Der Himmel an Silvester darf laut werden.
Nicht gedankenlos. Nicht überall. Nicht ohne Regeln.

Aber bewusst. Begrenzt. Und getragen von dem Vertrauen, dass Menschen mit Freiheit umgehen können.

Und ja: Das darf man spüren.
Dafür ist dieser Moment da.

Teilen

Newsletter

Termine

Keine Einträge vom 28. Januar 2026 bis zum 28. Februar 2026.

Trauerfeiern

Sie brauchen einen Trauerredner? Hier können Sie mich schnell kontaktieren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert