Ein Social-Media Verbot ist nicht nur sinnlos, sondern dumm!

Social-Media Verbot

Wie die Politik eine ganze Generation prägen könnte, wenn sie mal die Augen aufmachen würde…

Lesedauer: 23 Minuten

Seit einigen Wochen wird landesweit über ein Social-Media Verbot für Jugendliche diskutiert. Leider erleben wir wieder einmal, wie die Diskutierenden weder Ahnung von Social-Media, noch von Jugendlichen haben. Ein Verbot mag entschlossen wirken. Eine Kompetenzstrategie dagegen hätte echte Wirkung.

Smartphones gehören zum Leben dazu.

Donnerstagnachmittag. Biblischer Unterricht. 21 Teenager sitzen im Kreis und haben ihre Smartphones in der Hand. Wir lesen gemeinsam aus den Geschichten vom Propheten Daniel. Er musste in einer Welt vielen Versuchungen widerstehen.

Während die eine am lesen ist, fällt mein Blick auf den Jungen schräg gegenüber. Seine Finger bewegen sich viel zu schnell für eine Bibel-App. Natürlich ist mir klar: Er spielt League of Legends. Zwei Plätze weiter werden grade Snaps verschickt. Als ob ich die Bewegung der Kamera nicht wahrnehmen würde. Die beiden Mädels blicken sich an, kichern und wechseln wieder zum Danielbuch.

Ich sehe das alles. Natürlich sehe ich es.

Nun könnte ich reagieren, wie es viele erwarten würden: „Handys weg! Ab sofort nur noch analog. Kauft euch gefälligst eine echte Bibel und schleppt die jede Woche mit ins Gemeindehaus.“

Das wäre ein klarer Schnitt. Keine Ablenkung mehr. Kein Snapchat. Kein Spiel. Keine peinlichen Fotos vom Pastor, die dann später als Sticker in den Gruppen geteilt werden. Nur Papier, Textmarker und das gute alte Wort.

Ja, dann hätte ich Ruhe. Wenigstens kurzfristig. Aber ich mache es nicht.

In einer Verbotszone lernt man nichts.

Und nein: Ich unterschätze die Risiken digitaler Medien überhaupt nicht. Ich kenne sie weit besser, als 95 Prozent aller Leser hier. Dazu später auch mehr. Es geht mir um etwas Anderes. Ich bin überzeugt: Selbststeuerung kann man nicht unter Abschottung lernen. Medienkompetenz gewinnt man nicht durch theoretische Lektüre. Es braucht dem qualifizierten Umgang in Begleitung durch vertrauensvolle Personen.

Wenn ich die Smartphones verbiete, löse ich nicht das Problem. Ich verschiebe es nur. Spätestens nach dem Unterricht sind sie wieder online – nur ohne Begleitung, ohne Reflexion, ohne Gespräch.

Im BU arbeite ich also bewusst mit Smartphones. Wir vergleichen Übersetzungen, recherchieren Hintergründe, diskutieren über Chats noch einige Tage später. Wir entdecken die Grenzen von KI-Auslegung und die Fülle von sektiererischen Inhalten im Netz. Ja, manchmal wird gezockt. Ja, manchmal werden Snaps verschickt. Aber der Gewinn ist größer: Teenager lernen, digitale Werkzeuge konstruktiv zu nutzen, sie lernen, mit Ablenkung umzugehen und sie werden dadurch fähig, den Schatz der digitalen Bibel mitten im Leben nutzen zu können.

Es mag nur ein ganz kleiner Teil eines großen Ganzen sein. Aber du erkennst schon im ersten Ansatz, warum ich ein pauschales Social-Media-Verbot für Jugendliche für den radikal falschen Weg halte und wieder einmal politisches Gezänke auf den Schultern der Kleinen ausgetragen wird.

Die Gefahr ist ganz real – aber überhaupt nicht neu.

Achtung, Triggerwarnung, es geht um echte Gefahren im Netz.

Bevor wir an weitere Details gehen, verstehe mich bitte auf keinen Fall falsch. Hin und wieder stelle ich mich als kleinen Pastor vom Dorf vor. Heute schreibe ich nicht als kleiner Pastor, sondern als einer, der viele Jahre Erfahrung mit tausenden Teenagern und Jugendlichen hat und sich im Internet besser auskennt, als der Großteil unserer Bevölkerung.

Ja, auf Social Media gibt es Cybermobbing, jugendgefährdende Inhalte, abgrundtief böse Menschen und verstörende Gefahren. Das alles ist aber alles andere als neu oder akut.

Vor 25 Jahren (!) schon erzählte mir eine 14-jährige Bekannte stolz wie Bolle, wie sie über ICQ einen netten Jungen kennengelernt hatte. Endlich hatte sie einen Seelenverwandten gefunden mit dem man über alles reden konnte. Als dieser liebe junge Mann ihr dann seinen Teddy zeigen wollte, war die Verstörung groß. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich denken zu können, dass dieser Teddy nur der Spitzname eines schlangenartigen Körperteils war, welches eher zu einem mittelalten Dieter gehörte, als zu einem jungen Burschen.

Vor 14 Jahren (!) klagte mir eine Mutter, dass ihre 8-jährige Tochter auf dem Schulhof von den Mitschülern ein Video gezeigt bekam, wie eine Frau auf einem Pferd ritt. Nein, andersrum. Auch wenn ich dir gerne viel expliziter die Gefahren des World Wide Web für unsere Kinder vor Augen malen würde, belasse ich es bei der Vorstellungskraft deiner Phantasie.

Vor 8 Jahren (!) nahm ich erstmals eine Whats-App Gruppe von Teenagern, Jungen und Mädchen, auf einer Freizeit auseinander. Sie hatten sich sogenannte Memes geschickt die abwechselnd von kaputt gemachten Kindern oder Kreuzsymbolen mit Haken dran gespickt waren. Zwischen diesen Nachrichten teilten sie dann Bilder anderer Freizeitteilnehmerinnen und machten sich über diese in menschenverachtender Form lustig.

Was hätte man da besser machen sollen? Handy auf der Freizeit wegnehmen? Damit es dann zwei Wochen später ungestört und unkontrolliert weitergehen kann? Den Erwachsenen bescheid sagen, auch wenn der Großteil immer nur mit einem „das kann ich mir nicht vorstellen“ antwortete? Meine Erfahrung zeigt, dass pädagogische, ehrliche Gespräche in geschützten und kontrollierten Räumen die einzig effektiven Wege waren, um Menschen über die Boshaftigkeit der Welt aufklären zu können. Mit den oben erwähnten Teens bin ich übrigens heute noch in Kontakt. Sie sind für diesen einen Tag sehr dankbar. Er hat ihr Leben verändert.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Oder?

Heute sieht es keineswegs besser aus. Nein, viel schlechter. Belästigung wird mehr. Grenzen weichen. Ich selbst bekomme nahezu täglich Anfragen von netten Single-Ladies, die mich unglaublich gerne kennenlernen würden und dem mit expliziten Bildern Nachdruck verleihen. Da ich dummerweise meine Social-Media-Kanäle beruflich brauche, kann ich mich dem nicht vollends entziehen. Ich kann aber meine Assistentin Kiki (meine KI) erst drüber schauen lassen und die meisten ekligen Inhalte ausblenden bevor sie mir zu Augen kommen.

Bei den Gefahren im Bereich von Social Media geht es heute um weit mehr, als Belästigung. Eine problematische Nutzung kann in suchtähnlichem Verhalten gipfeln. Die DAK-Mediensucht-Studie1 von 2024 belegt, dass 4% der 10- bis 17-jährigen in Deutschland pathologisch abhängig von Internetmedien sind, einschließlich Social Media. In der Studie werden auch problematische Nutzungsmuster aufgewiesen. Diese liegen aber interessanterweise unter den Zahlen vor der Corona-Pandemie.

Bevor wir uns nun gleich mit weiteren Zahlen befassen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Schon vor 20 Jahren wurden Nutzungsmuster von Jugendlichen im Internet erforscht. Ein Blick in die JIM-Studie von 20062 zeigt, dass sich weder Mediennutzungszeit, noch problematische Inhalte radikal neu gebildet hätten. Sie haben sich aber vom PC im elterlichen Schlafzimmer auf die Smartphones in der Hosentasche verschoben.

Was zählt wirklich?

Wichtiger für die Beurteilung von Gefahren in Social-Media ist nicht die sozialwissenschaftliche Kategorisierung von Nutzungsmustern in problematisch oder pathologisch, sondern die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen. Die Vodafone Jugendstudie 20253 macht deutlich, dass etwa ein Drittel der befragten Jugendlichen eigenen Angaben zufolge mit erheblich belastenden Gefühlen im Zusammenhang mit ihrer Social-Media-Nutzung kämpfen. Sie verspüren Stress, vergleichen sich mit den konsumierten Inhalten und erleben Druck, online „performen“ zu müssen.

Ja, das kann man verstehen. Wenn ein 14-jähriges Mädchen zwei Stunden täglich gefilterte Inhalte von wunderhübschen Gleichaltrigen sieht, die durch geschickt gewählte Kameraperspektiven der Eltern perfekt in Szene gesetzt werden, gleichzeitig aber den Eindruck erwecken, sie würden schlicht mit dem Smartphone aus dem eigenen Badezimmer filmen, entsteht eine deutliche Verzerrung jeglicher Wahrnehmung. Wenn alle Pickel auf Bildern durch Photoshop entfernt wurden, kann das eigene Spiegelbild damit nicht mithalten und greift den eigenen Selbstwert immer wieder an.

Hier sprechen wir aber nicht von einem deutschen oder europäischen Phänomen. Hier geht es um nicht weniger als Anthropologie. „Was ist der Mensch, was ist er wert und womit kann er sich vergleichen?“

International deuten systematische Reviews und Meta-Analysen4 darauf hin, dass eine erhöhte Nutzung sozialer Medien mit psychischen Belastungen wie Depression, Angst und Stress korreliert. Kausale Schlüsse sind aber schwierig zu ziehen. Unabhängige Studien aus Fernost5 ergänzen dieses Bild: Untersuchungen zu chinesischen Jugendlichen zeigen Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung, sozialen Vergleichsprozessen und psychischem Stress – etwa im Kontext von Körperbildwahrnehmungen, die durch algorithmisch kuratierte Inhalte verstärkt werden können. Eine koreanische Netzwerkstudie6 weist darauf hin, dass hoher Zeitaufwand in sozialen Netzwerken mit erhöhtem Stressempfinden einhergehen kann, was wieder andere Coping-Strategien erforderlich macht.

Auch die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet, dass problematische Nutzung sozialer Medien in Europa zwischen 2018 und 20227 zugenommen hat, was Anlass zur Besorgnis über mögliche Effekte auf Wohlbefinden und psychische Gesundheit gibt. Vor dem Fazit aber auch hier nochmal ein ganz nüchterner Hinweis: TikTok und die damit verbundenen Kurzvideos gibt es seit dem Jahr 2016. Seit zehn Jahren. Kein Wunder, dass die Nutzung solcher Formate danach deutlich zugenommen hat…

Der Blick über den Tellerrand

Wenn man sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzen möchte, lohnt sich mal wieder ein Blick über den Tellerrand. Insbesondere die Studien aus Ostasien zeigen, wie Plattform-Design, Nutzungsmuster und kulturelle Kontexte die Wirkungsmechanismen sozialer Medien mitbestimmen.

Die oben erwähnte Untersuchung aus China zeigt beispielsweise, dass die algorithmisch gesteuerten Kurzvideo-Feeds der beliebten Plattform Douyin deutlich mit veränderten Körperbildbewertungen bei männlichen Jugendlichen korrelieren. Jugendliche, die mehr Zeit auf Douyin verbringen, neigen dazu, sich stärker an idealisierten Körperstandards zu orientieren, während eine text- und messengerbasierte Nutzung (etwa über WeChat) diese Effekte nicht zeigt – ein Hinweis darauf, dass nicht die bloße Social-Media-Nutzung, sondern die Art der Inhalte und ihrer algorithmischen Präsentation entscheidend sind.

Auch aus Südkorea8 gibt es empirische Befunde, die verdeutlichen, wie eng Nutzungsmuster und psychische Belastungen verknüpft sind. In einer groß angelegten Studie berichten Jugendliche über hohe Stresslevels im Zusammenhang mit intensiver Internet- und Social-Media-Nutzung. Diese Ergebnisse legen nahe, dass gerade emotionale Belastungen, Stress und Schlafprobleme in Verbindung mit Social-Media-Aktivität stehen können, vor allem wenn sie exzessiv oder ohne reflektierte Nutzung stattfindet.

Diese evidenzbasierte Einsicht passt zu einem international anerkannten Muster: Der Einfluss sozialer Medien ist nicht monolithisch, sondern hängt stark davon ab, wie Jugendliche die Plattformen nutzen, welche Inhalte ihnen angezeigt werden und welche psychosozialen Bedürfnisse dabei angesprochen werden. Systematische Reviews9 betonen, dass soziale Medien gleichzeitig soziale Unterstützung und Zugehörigkeit fördern können, aber auch soziale Vergleichsprozesse und Angst außen vor zu bleiben (FOMO) begünstigen. Problematische Nutzung – etwa passives Scrollen, ständige Vergleichsprozesse oder algorithmisch verstärkte Inhalte – steht dabei deutlich häufiger mit belastenden Effekten in Zusammenhang als aktive, soziale Interaktion.

Aus dem westlichen Kontext ist bekannt, dass Jugendliche mit bereits bestehenden psychischen Belastungen soziale Medien anders nutzen10 als Gleichaltrige ohne solche Herausforderungen – und dass sie dabei oft häufiger online sind, aber nicht notwendigerweise stärker davon profitieren. Gleichzeitig betonen internationale Institutionen wie die WHO,11 dass soziale Medien sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben können und dass die Vermittlung von Medienkompetenz für Jugendliche ein entscheidender Schutzfaktor ist.

Das heißt: Weltweit können wir beobachten, dass die psychosozialen Mechanismen im Vordergrund stehen, nicht die reine Nutzung. Unterschiede zwischen Plattformen und Nutzungskontexten variieren kulturell. Gerade deswegen ist es problematisch, aus einzelnen Risiken ein pauschales Verbot abzuleiten. Vielmehr zeigt die internationale Forschung: Es kommt auf Begleitung, Medienkompetenz und kritische Auseinandersetzung an – Aspekte, die ein bloßes Verbot nicht adressieren könnte.

Es braucht am Ende eine wesentliche wissenschaftliche Unterscheidung:12 Ja, es gibt Gefahren durch Social-Media, die man auf keinen Fall bagatellisieren oder ausblenden darf. Aber! Eine Korrelation zwischen Social-Media Nutzung und psychischen Belastungen bedeutet nicht automatisch, dass soziale Medien diese Probleme verursachen.

Lass es mich mit einem bewusst plakativen Beispiel verdeutlichen: Depressive Menschen neigen eher dazu, depressive Musik zu hören, welche wiederum depressive Symptomatik verstärkt. Übertragen bedeutet das, dass Jugendliche mit bestehenden psychischen Herausforderungen soziale Medien oft intensiver nutzen. Dadurch werden alle Interpretationen erschwert.

Nochmal ganz kurz zusammengefasst: Es gibt echte Problemewie Stress, soziale Vergleichsprozesse, problematische Nutzungsmuster oder Cybermobbing, die empirisch eindeutig belegt sind. Gleichzeitig ist es wissenschaftlich nicht eindeutig nachgewiesen, dass allein die Nutzung sozialer Medien kausal psychische Störungen erzeugt – vielmehr treten diese Effekte in einem komplexen Zusammenspiel mit individuellen, sozialen und kontextuellen Faktoren auf.13

Alarm in der Politik

In Deutschland wie international wird derzeit intensiv über Altersgrenzen für soziale Netzwerke diskutiert. Die Parole: „Man kann all diese Probleme lösen, wenn wir den Jugendlichen unter 16 Jahren diese Platttformen verbieten!“ Internet ist halt Neuland für uns alle. Als Paradebeispiel wird immer wieder das Erfolgsrezept aus Australien herangezogen. Bevor wir uns allerdings damit auseinandersetzen, möchte ich dich auf eine kleine juristische Beobachtung mitnehmen.

Dies ist nun keine Rechtsberatung. Nur meine subjektive Beobachtung aus 20 Jahren in der pädagogischen Arbeit mit über 1000 Kindern, Preteens, Teenagern und Jugendlichen. In Deutschland gibt es klare Grenzen zur Geschäftsfähigkeit. Da jegliche Social-Media Plattformen mit Nutzungsbedingungen arbeiten, personenbezogene Daten verarbeiten und vor allem auch Trackingmechanismen greifen, liegt kein rechtlich vorteilhafter Vertrag für Minderjährige vor. Unter 18-Jährige können in Deutschland keine rechtsverbindlichen Verträge mit Social-Media Plattformen ohne Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten abschließen. Unter 16-Jährige können in Deutschland ohne Zustimmung ihrer Eltern keine Erlaubnis für die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten geben. Juristisch ist jetzt schon also die Nutzung von Social Media eng mit dem Einverständnis und der Begleitung der Eltern verbunden.

Allein daran sieht man schon, wie sehr der Alarm in der Politik aufgeblasen wird. Man tut so, als würde man ganz neue, bahnbrechende Wege gehen, obwohl die Rechtslage jetzt schon absolut klar ist. Da man den Weg über die Verantwotungsübernahme der Eltern offenbar nicht betreten will, rückt man eine ganze Generation ins kriminalisierte Milieu.

Aber zurück nach Australien:

Australien hat 2024 ein Gesetz verabschiedet, das Social-Media Plattformen verpflichtet, unter 16-Jährigen den Zugang zu verwehren. In Europa werden nun also derzeit von vielen Politikern im Seniorenalter Grenzen von 14 Jahren oder 16 Jahren für Jugendliche diskutiert. Spannend, meine These: Diese Diskussion wird von Personen geführt, die die gesamte Problematik hauptsächlich durch Phubbing wahrnehmen, wenn Großeltern halt von den Enkeln ignoriert werden weil das Smartphone wichtiger ist.

Ja, die Gefahren sind wirklich real. Davor müssen wir uns nicht verschließen. Aber warum nun ein Verbot? Die Begründung lautet schlicht zusammengefasst:

„Social Media schadet der psychischen Gesundheit von Jugendlichen – also verbieten wir das alles.“

Das Problem: Diese Schlussfolgerung ist wie oben beschrieben wissenschaftlich nicht so eindeutig, wie sie oft dargestellt wird. Gleichzeitig fehlt auf Grund der rasanten Entwicklung Forschungsmaterial für ältere Gruppen. Wenn TikTok erst seit zehn Jahren existiert, können wir jetzt überhaupt noch nicht abschätzen, was eine solche Plattform für Auswirkungen auf diejenigen haben könnte, die sie ab dem 16. Lebensjahr nutzen dürften. Würden Probleme dann eventuell nur verlagert? Eventuell dann sogar in die unglaublich wichtigen Jahre von Ausbildung und erstem Broterwerb?

Zuletzt wird völlig ausgeblendet, wie sehr Social Media auch der psychischen Gesundheit von Eltern und Großeltern schaden, wie ganze Familien unter Suchtindikatoren leiden und reale Menschen intensiv in ihrer persönlichen Entwicklung gehindert werden.

Ein Verbot ist technisch gar nicht umsetzbar!

Wenn nun schon die Forschung ganz andere Richtungen zeigt, wird es bei genauerem Hinsehen noch abstruser. Lass uns das nochmal das Bild vor Augen malen. Da sind Senioren, die sich über Phubbing aufregen. Ihre Enkel hängen andauern am Handy rum. Gleichzeitig müssen die Enkel aber springen, wenn der Fernseher wieder mal die Kanäle geändert hat, wenn sich die App auf dem Startbildschirm verschoben hat, obwohl Opa definitiv gar nichts gemacht hat und wenn das Verlockende Angebot über 200% Zinsen bei Facebook so gut gemacht war, dass Oma schon 2000 Euro überwiesen hat. Ich weiß, das mag ein unmöglicher Vorwurf sein. Aber dennoch adressiere ich ihn: Die, die von einem Social-Media Verbot sprechen, haben überhaupt kein technisches Verständnis. Wie soll das Verbot denn bitte praktisch gehen?

In der Vergangenheit habe ich oft von stolzen Eltern gehört, wie sie ihre Kinder über Family-Link und Co. unter Kontrolle halten. Viel öfter habe ich aber mit Teenagern das Leid ertragen, dass die Anleitung von Reddit (eine ungeschützte Social-Media Plattform im Netz) ihr Handy freizuschalten das Gerät komplett zerstört hat und sie alle Erfolge in Minecraft neu erarbeiten mussten.

Während Eltern sich mit Google und Chat-GPT als überlegene Spezies betrachten, haben Teenager schon längst das DarkNet entdeckt und wissen wie sie mit Zweitgerät, VPNs und geteilten Accounts weit tiefer ins Netz vordringen, als ihre Eltern oder gar Großeltern sich in den kühnsten Träumen vorstellen könnten.

Wie gut funktioniert der Jugendschutz denn derzeit?

Bevor wir nochmal zu einigen Fakten kommen nur mal eine ganz doofe Frage für einen Freund: Wie kann es sein, dass Minderjährige in unserem Land an harte schmuddelige Filme kommen, wenn das doch per Gesetz streng verboten ist? Wie kann es sein, dass einige rauchen, Alkohol konsumieren und wenige sogar harte Drogen nehmen? Wann genau sind wir falsch abgebogen, wenn wir glauben, dass ein Verbot auf dem Papier wirklich im Leben durchzusetzen ist, ohne eine ganze Generation zu kriminalisieren?

Als im australischen Parlament Ende 2024 das „Online Safety Amendment (Social Media Minimum Age) Act“ verabschiedet wurde, war das Aufsehen groß: Australien sollte ab 10. Dezember 2025 der erste Staat der Welt sein, der Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren das Halten eigener Konten auf großen Social-Media-Plattformen verbietet. Dieses Gesetz betrifft Dienste wie Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch.

Das Gesetz wurde 2024 vom australischen Parlament beschlossen und sieht vor, dass Plattformbetreiber verpflichtet sind, „angemessene Schritte“ zu unternehmen, um sicherzustellen, dass Minderjährige unter 16 Jahren keine Social-Media-Konten besitzen. Die Verantwortung zur Kontrolle14 liegt dabei nicht bei den Eltern oder Jugendlichen selbst, sondern bei den Anbietern der Dienste, die bei Nicht-Einhaltung empfindliche Strafen riskieren.

Die Lebenswelt sieht anders aus.

Ein Gesetz wie in Australien ist zunächst aufregend, weil es „handlungsfähig“ wirkt. Aber sobald man den Blick von der abstrakten Idee zur konkreten Lebenswelt von Jugendlichen richtet, wird klar: Kontrolle zielt auf Rechte und Verhaltensweisen von Heranwachsenden – und das hat juristisch wie psychosozial Konsequenzen.

Klappt das am Ende wirklich? Für Testzwecke habe ich mir einen neuen Instagram-Account erstellt und einfach mal nach „girl australia“ gesucht. Trotz Verbot werden mir diverse Kanäle zum Folgen angeboten, die definitiv von unter 16-jährigen Akteuren bedient werden. Nach den Testzwecken habe ich den Account schnell gelöscht, weil der Algorithmus danach direkt verstörende Inhalte lieferte. Ich möchte auf keinen Fall Ziel der selbsternannten Pedohunter werden, eine weitere sehr gefährliche Formation aus der aktuellen Social-Media Welt.

Berichte15 aus der Debatte weisen mittlerweile aber darauf hin, dass das Verbot der großen Plattformen Jugendliche oft nun entweder dazu bringt, auf weniger regulierte Dienste auszuweichen, die in Australien nicht als soziale Medien klassifiziert sind, oder die technischen Sperren zu umgehen. Zack. Ganz einfach. Wenn Facebook verboten ist, programmiert man halt Ficebaak und schon geht das Ganze weiter. Diejenigen, die dabei sein möchten, tummeln sich, alle anderen bekommen nichts mit. Für mich hat das ein wenig Geschmäckle vom Bahnhofsklo und weniger von gut durchdachtem Schutzkonzept.

Weiterer Exkurs: Lass uns noch einmal ganz kurz auf die Geschichte von Facebook schauen. Die Plattform wurde ursprünglich als Hilfe zur Suche von Lernpartnern an der Uni entworfen. Naja, wenn wir etwas gründlicher recherchieren, ging es ursprünglich eher darum, die Bilder von Jungen Frauen nach Schönheit zu bewerten, dieses System war aber nur wenige Tage online. Aus einem geschlossenen System für eine Universität wurde ein weltweit agierender Konzern. Warum schreibe ich das? Facebook wurde nicht groß, weil jemand Social-Media erfunden hat. Facebook wurde groß, weil ein ur-menschliches Bedürfnis Befriedigung fand. Das ist doch logisch: Wo ein Wille ist, kann jeder Schul-Chat zum sozialen Netzwerk umgewandelt werden. Probleme verschwinden nicht durch Verbote. Sie werden dann nur auf anderen, unsichtbaren, Ebenen ausgetragen.

Kurze Anleitung zum Hackingprofi

Das größte Problem ist die Altersverifikation. Plattformen müssen in Australien überprüfen, ob ein Nutzer wirklich 16 Jahre oder älter ist – eine Aufgabe, die technisch ausgesprochen schwer und datenschutzrechtlich sensibel ist. Wie will man im digitalen Bereich Ausweise kontrollieren, wenn selbst die Türsteher der Discotheken manchmal mehr als unsicher sind?

Ja, es gibt mit dem Chip im deutschen Ausweis durchaus Möglichkeiten, gewisse Sicherheiten zu erzeugen. In Deutschland kann man ja schließlich auch online ein Bankkonto eröffnen, lädt seinen Ausweis hoch und macht nen kurzen Videochat. Die große Frage lautet aber: Wie viel Geld darf eine Registrierung am Ende für den Betreiber kosten? Welche Sicherheitsstufe wird bei der Registrierung aufgerufen und vor allem: Was passiert denn danach? Wer garantiert, dass ein Account, der von einem Erwachsenen erstellt wurde, in Folge nicht von einem Kind genutzt wird?

Man könnte fast den Vergleich von den kleinen Gruppen Halbstarker am Kiosk anführen, die wildfremde Erwachsene ansprechen, ob die ihnen ein Sixpack Bier kaufen. Am Ende wäre das zwar gar nicht so weit hergeholt, wir müssen jetzt aber noch nicht übertreiben…

Mittlerweile arbeite ich seit über 20 Jahren mit Teenagern und Jugendlichen zusammen. Damals mag ich eventuell noch der absolute Crack und Nerd im WWW gewesen sein. Heute bin ich lange nicht mehr nicht der Einzige. Die Teens vom Dorf, die ich kenne, wissen was ein VPN ist, wie sie im DarkNet surfen und auf welcher Seite sie sich ganze Persönlichkeitsprofile inklusive Adresse, Sozialversicherungsnummer und Bankverbindung ziehen können. Legal ist das alles natürlich nicht – aber wen kümmert Legalität, wenn einer ganzen Generation auf Grund einer Minderheit das Internet eingeschränkt wird.

Zurück nach Australien: Da die Strafbarkeit bei den Plattformbetreibern und nicht bei den Usern liegt, kann man die Grenzen mit wenigen Klicks umgehen, sich beispielsweise einen Account vom großen Bruder erstellen lassen und ist wieder online ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Die größte Wirkung hätte ein Social-Media Verbot also in der internationalen Wahrnehmung unter Politikern, nicht unter Kindern und Jugendlichen.

Was macht das Ganze mit den Jugendlichen?

In Australien ist es am Ende so: Die Strafbarkeit greift nicht bei den Jugendlichen, sondern bei den Anbietern. Wie gut das funktionieren mag, haben wir uns bereits angesehen. Auf dem Papier scheint es am Ende vielleicht eine vertretbare Lösung zu sein, für die Lebenswelt der jungen Menschen sieht das aber ganz anders aus.

Jugendliche erleben sich als Objekte staatlicher Eingriffe, insbesondere diejenigen, die jetzt schon positiv aktiv bei Instagram und Co. agieren. Wenn laut DAK Mediensucht-Studie 2024 ein Viertel aller Jugendlichen problematisches Nutzungsverhalten an den Tag legen soll, bedeutet dies, dass drei Viertel, weit mehr also, als die absolute Mehrheit aller Jugendlichen ziemlich gut mit ihren Social-Media Accounts zurechtkommen. Die Mehrheit wird also ohne jegliche Indikation kontrolliert, reguliert & überwacht. Sie werden nicht als Akteure ihrer eigenen Entscheidungen gefördert.

Ein Verbot von Social-Media bedeutet, dass junge Menschen keine Chance mehr bekommen, verantwortungsvoll in digitalen Räumen umzugehen. Sie lernen viel mehr, Grenzen heimlich zu umgehen, weit jenseits jeder pädagogischen Begleitung oder Förderung. Ein Social-Media-Verbot trifft nicht nur Algorithmen und Plattformmechaniken. Es trifft echte Menschen – Menschen mit Beziehungen, Bedürfnissen, sozialen Rollen und Rechten.

Sozialwissenschaftliche Forschung betont immer wieder, dass soziale Sanktionen und Verbote in der Adoleszenz besonders starke psychologische Effekte haben – weil Heranwachsende in dieser Phase Identität, Autonomie und soziale Anerkennung ausbilden 16 Wenn digitale Räume, die ein Teil ihrer sozialen Realität sind, plötzlich „illegal“ werden, droht mehr als nur technisches Umgehen: Es droht eine Delegitimierung ihrer sozialen Welt.

Es passieren auf jeden Fall Ungute Dinge!

In meinen Augen entstehen nun zwei Effekte, die unserer Gesellschaft alles andere als zuträglich sein werden:

Jugendliche entsolidarisieren sich mit politischer Ordnung. Wenn plötzlich unverständliche Regeln aufgestellt werden, die der Mehrheit der jungen Menschen überhaupt keine Hilfe sind, wächst Distanz zwischen junger Generation und demokratischen Institutionen.

Jugendliche merken außerdem, dass die Welt, in der sie sich nun seit über einem Jahrzehnt sozial orientieren, plötzlich durch unverständliche Mechanismen reguliert wird. Es sind Mechanismen, die sie weder verstehen, noch beeinflussen können und die vor allem nicht mit ihnen verhandelt worden sind. Letztendlich sprechen wir von einem kollektiven digitalen Hausarrest, ohne dass die meisten etwas dazu beigetragen haben.

Was wird passieren? Regeln, die als fremd, übergriffig oder nicht legitim empfunden werden, werden nicht akzeptiert, sondern umgangen, ignoriert oder konterkariert.

Bringt uns das als Gesellschaft wirklich weiter? Geht die ganze Problematik nicht vielleicht noch viel tiefer? Wie viele Senioren gibt es, die ihren Lebensabend bisher vor dem Fernseher und seit einigen Jahren mit dem Smartphone verbringen? Wie viele Eltern vernachlässigen ihre Kinder, weil sie das neue Spiel heruntergeladen haben und nicht mehr ablassen können?

Jugendliche brauchen keine Debatten über überzogene Grenzen und Altersverifikation. Unsere gesamte Gesellschaft braucht ein Umdenken in Fragen der Digitalisierung. Das Internet ist kein Neuland. Künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren alles auf den Kopf stellen. Was uns wirklich helfen würde wäre weniger Regulation der Teenager und mehr Regulationsmöglichkeiten der Plattformen für Erwachsene. Außerdem viel mehr Reflexionsräume über digitale Identität, Medienethik und Medienkompetenz, Strategien zur Selbststeuerung und Partizipation für neue Regelsetzungen.

Was, wenn man genau das Gegenteil tun würde?

In meinem Biblischen Unterricht gebe ich bewusst Raum für Smartphones. Viele Pastoren in meinem Alter schlagen da die Hände über dem Kopf zusammen. Ich nutze die Zeit, um den Teens etwas für das wirkliche Leben beizubringen. Ich erlebe, wie Jugendliche miteinander diskutieren, Inhalte teilen und digitale Hilfen nutzen. Gleichzeitig erlebe ich, wie sie falsche Antworten von ChatGPT bekommen, sich von Snapchat ablenken lassen oder gedanklich schon beim nächsten Tournier im RPG sind.

Es hilft aber nicht, ihnen die Handys abzunehmen und den alten Ordner mit Arbeitsblättern hervorzuholen. Wenn viele jetzt nach Schweden schreien, die zur analogen Schularbeit zurückkehren: Das was da war und nun ist kann man nicht vergleichen. Es hilft gemeinsam zu reflektieren, Ergebnisse zu moderieren und sie behutsam in eine gesunde Richtung zu führen. So und nur so lernen sie, sich in einer sich digitalisierenden Welt zu behaupten und eines Tages wirklich medienkompetent und bibelaffin zu sein. Ich sage es mal ganz plakativ: Zukünftige Glaubensdebatten verlieren nicht die, die schlechte Argumente haben. Es verlieren die, die zu lange blättern müssen.

Was funktioniert denn tatsächlich?

Wenn wir all das ernst nehmen – die vielfältigen Studien, die US-amerikanischen Meta-Analysen, die fernöstlichen Plattformbefunde, die technischen Herausforderungen am Beispiel Australiens und die Gefahr von psychischen Spätfolgen nach einem Social-Media Verbot – dann bleibt eine entscheidende Frage:

Was funktioniert tatsächlich?

Ich bin fest überzeugt, dass wir mit einem Verbot ganz wichtige Chancen ignorieren und vor allem Ressourcen binden, die an anderer Stelle wesentlich effektiver eingesetzt werden können. An diesem Punkt brauchen wir keine Symbolpolitik, sondern zukunftsgerichtete Entscheidungen. Lass mich drei kleine Themenfelder skizzieren, die nachhaltig und zukunftsträchtig wirken könnten.

Plattformregulierung statt Nutzerverbot

Ein Social-Media Verbot käme mit großen Auflagen für alle Betreiber der großen Plattformen einher. Das kostet Geld, Ressourcen und Zeit. Drei Viertel aller Teenager und Jugendlichen können mit diesen Plattformen aber ziemlich gut umgehen. Die bloße Nutzung ist also nicht das Problem, sondern einzelne Mechanismen. Dort könnte man mit gleichem Ressourcenaufwand also auch ansetzen.

Wie wäre es mit einer voreingestellten Begrenzung der anscheinend endlosen Feeds auf eine maximale Zahl von Inhalten pro Stunde? Eltern oder Erziehungsbeauftragte könnten sowas ausschalten, Minderjährige nicht. Wie wäre es, wenn Belohnungsschleifen durch Likes durchbrochen werden und bewusste Kontrapunkte angeordnet werden? Etwa durch „nicht empfehlenswert“-Buttons. So würde sich ein Großteil des digitalen Dünnschisses, der oft in Kommentarspalten zu sehen ist von selbst erledigen – weil ihn einfach kaum wer mehr sieht. Was wäre, wenn der Algorithmus gezwungen wird auch das anzuzeigen, was der Nutzer überhaupt nicht sehen möchte? Wenn man beispielsweise nach dem fünften Like von rechts-außen Kontent erstmal zwei Videos von links-außen ausgespielt bekommt? Social-Media wäre ein wunderschöner Ort, wenn die extremistischen Bubbles für sich allein überhaupt nicht existieren könnten.

KI kann helfen

Wie wäre es, wenn eine (europäische) extern programmierte KI noch gezielter auf Kommentare und Direktnachrichten reagiert und vor dem Absenden einen Hinweis zu grenzverletztenden Inhalten liefert? Stell dir mal vor, Kevin schreibt in seiner Klassengruppe einen Kommentar zu einem Foto mit dem Inhalt „Sieh dir mal das fette Schwein an.“ Es bräuchte keine händische Überwachung, eine ganz einfache KI könnte das Bild analysieren, ob es sich tatsächlich um Piggeldy handelt oder ob das Bild die übergewichtige Klassenkameradin Emma zeigt. In letzterem Fall könnte die KI dann eine Nachricht an die Erziehungsberechtigten senden mit dem Hinweis: „Cybermobbing auf dem Gerät ihres Kindes gefunden.“

Ja, man kann Social-Media Plattformen zu aufwändigen technischen Veränderungen zwingen und eine Altersprüfung fordern. Man kann auf der anderen Seite aber auch den gemeinsamen Weg gehen und das Nutzungserlebnis für alle Teilnehmenden erheblich verbessern.

Technisch könnten Tranzparenzpflichten für Empfehlungsalgorithmen, abschaltbare Endlos-Feeds, Elternmoderierte Kinderkonten, standardmäßig deaktivierte Push-Benachrichtigungen und zeitliche Nutzungsbegrenzungen in Default-Einstellung problemlos umgesetzt werden. Alleine durch diese wenigen Punkte, ließen sich die problematischen Nutzer um 90% reduzieren, weil das problematische Verhalten schlicht nicht mehr per default ausgelebt werden kann.

Vielleicht wäre das eine bessere Lösung.
Ursachen adressieren, nicht nur ein Symptom.

Simon Birr

Frühe Medienkompetenz und Medienethik als Schulfach, nicht als Projekttag

Wenn die DAK-Studie problematische Nutzung bei rund einem Viertel der Jugendlichen identifiziert, dann zeigt das: Wir brauchen Kompetenzbildung – nicht Abschaltung. Drei Viertel kommen mit dem Zeug klar und können das den anderen auch beibringen.

Medienkompetenz darf nicht länger Nebenthema sein. Sie muss integraler Bestandteil schulischer Bildung werden. Wir müssen unseren Kindern beibringen, wie sie sich in der digitalen Welt bewegen, so wie wir sie rechnen lassen, schreiben lassen und malen lassen. Medienkompetenz muss wöchentlich im Stundenplan verankert werden und Schulungen für Medienkompetenz für Lehrkräfte müssen jährlich verbindlich absolviert werden. Natürlich ist ein Lehrer, der vor vierzig Jahren studiert hat mit six-seven und einer Schere überfordert. In der freien Wirtschaft würde man einen Mitarbeiter auf einem derartigen Bildungsniveau maximal zum Pakete packen beschäftigen, unsere Lehrer und Lehrerinnen lassen wir bis zur Pension frei agieren.

Warum haben wir uns noch nie darüber unterhalten, dass wir Cybermobbing schon im Kindergarten thematisieren könnten? Sowohl Bernd das Brot, als auch die Teletubbies könnten hier entscheidende Beiträge liefern. Stattdessen erlauben wir Amazon sämtliche zahlungspflichtige Spiele mit Suchtcharakter für Kinder im angeblich geschützten Bereich kostenlos anzubieten. Nein, die Kinder können da kein Taschengeld verlieren, sie werden aber auf ihre Zeit nach der Entscheidungsgewalt ihrer Eltern konditioniert.

Merke dir das Wort Medienkompetenz!

Medienkompetenz bedeutet: Alhorithmisches Grundverständnis, Verständnis von sozialen Vergleichsdynamiken, Training von Selbststeuerung, Reflektion von digitaler Ethik, Umgang mit Cybermobbing, digitale Resilienz und vieles mehr.

Dir sagen all diese Begriffe nichts? Du könntest sie innerhalb vom nur vier Stunden von mir lernen. Warum lassen wir nicht nur unsere Kinder, sondern eine ganze Gesellschaft im Dunkel?

Vielleicht wäre es ein erster ehrlicher Schritt, wenn wir mit uns ganz persönlich beginnen. Du kannst ja mal ein kleines Experiment wagen. Diesen Artikel hier habe ich ja auch bei Facebook und Linkedin verlinkt. Unter dem Link wirst du Kommentare finden. Unter diesen Kommentaren werden auch einzelne zu finden sein, die von Nicht-Medien-Kompetenz nur so strotzen. Es wird Menschen geben, die sich von der Überschrift getriggert fühlen, das Thema als Phubbing im eigenen Leben erlebt haben und deswegen schon eine Meinung haben. Sie interessiert nicht, wie ich hier argumentiere. Sie möchten einzig und allein ihren Frust im anonymen Netz ausleben. Sich darüber im Klaren zu sein heißt Medienkompetenz.

Im Biblischen Unterricht arbeite ich nach diesem Muster. Da bleibt nichts theoretisch, da werden wir jede Woche überaus praktisch. Wenn jemand im BU League of Legends spielt, ist das kein Beweis für die Gefährlichkeit des Internets. Es ist ein Trainingsmoment für Selbstregulation, den wir dann ganz bewusst nutzen. Merke dir: Selbstregulation entsteht nicht im Offline-Vakuum. Sie entsteht im Umgang mit realer Versuchung.

Strategien zur Selbstregulation

Wie lernt man, wann bei Tiktok Schluss ist? Wann ist es Zeit, ins Bett zu gehen? Wann sollte man sich auf die Hausaufgaben konzentrieren? Ich kann mich noch gut erinnern. Es mag mittlerweile knapp über zehn Jahre her sein, da hatte ich das Internet leer geguckt. Es gab nichts mehr, was mich interessierte. YouTube hatte keine interessanten neuen Videos, Facebook erzählte nichts neues über meine Freunde und Instagram kannte noch keine Kurzvideos. Heute ist das unmöglich. Alleine die Flut von KI generierten Inhalten ist so übermächtig geworden, dass es zu jeder Millisekunde schnelles Dopamin auf Abruf gibt.

Wann aber wird es Zeit, das Handy wegzulegen und mal wieder Real-Life zu gucken? Merke dir direkt einen Satz: Selbstregulation entsteht nicht im Offline-Vakuum. Sie lernt man nur im Umgang mit realer Versuchung. Deswegen ist mir der Biblische Unterricht mit Smartphone so wichtig. Wenn jemand ausversehen Snapchat öffnet, obwohl wir Psalm 23 lesen wollten, muss ich nicht böse werden. Viel mehr kann ich diesen Moment als Trainungsmoment nutzen. Du selbst kannst es auch probieren. Denk einfach mal zurück, wie oft du auf deinem Handy nach der Uhrzeit schauen wolltest, dann vier Nachrichten gelesen und drei Likes dagelassen hast – und noch immer nicht weißt, wie spät es ist.

Lass uns nochmal kurz fachlich werden: Selbstregulation beschreibt die Fähigkeit, eigene Gedanken, Gefühle, Impulse und Handlungen bewusst zu steuern, um langfristige Ziele zu verfolgen und angemessen auf innere und äußere Reize zu reagieren. Sie umfasst mehr als reine Selbstkontrolle; sie beinhaltet auch Aufmerksamkeit, Emotionsmanagement, zielgerichtete Handlungsplanung und die Fähigkeit, kurzfristige Befriedigung zugunsten längerfristiger Ziele zurückzustellen – etwa Ruhe zu bewahren, wenn Ablenkung lockt, oder konzentriert zu bleiben, wenn Reize drängen.

Was genau ist Selbstregulation?

Psychologisch gesehen ist Selbstregulation eine der zentralen Kompetenzen, die Menschen befähigt, Verhalten zu ändern und sich an wechselnde Anforderungen anzupassen.

In der Adoleszenz hat Selbstregulation besondere Bedeutung, weil in dieser Phase Entwicklungsprozesse im Gehirn aktiv sind, die das Verhältnis von Belohnungssystemen und Kontrollsystemen neu ausbalancieren. In der Jugend sind die Strukturen, die mit Impulskontrolle und langfristiger Planung assoziiert sind, noch in Reifung begriffen, während Belohnungssysteme besonders sensitiv sind. Die Fähigkeit zur Selbstregulation wächst zwar in der Adoleszenz weiter an, erreicht aber häufig erst im frühen Erwachsenenalter ein stabiles Niveau.

Um es nochmal etwas komplizierter auszudrücken, lässt sich Selbstregulation psychologisch etwa so fassen: Selbstregulation ist das intern gesteuerte Vermögen, Affekt, Aufmerksamkeit und Verhalten so zu kontrollieren, dass kurzfristige Reaktionen in Einklang mit übergeordneten Zielen und Kontextanforderungen stehen.17

Es geht um Learnings in der Adoleszenz!

Das bedeutet also: Selbstregulation ist kein Fixum, das man einfach hat oder nicht hat. Sie entwickelt sich über die Zeit und kann trainiert, unterstützt und geübt werden. Studien18 zeigen, dass Jugendliche, die über bessere Selbstregulationskompetenzen verfügen, in unterschiedlichen Lebensbereichen erfolgreicher und gesünder agieren – sei es in Lernprozessen, sozialen Interaktionen oder der Emotionssteuerung. Selbstregulationskompetenz steht dabei in engem Zusammenhang mit kognitiver Emotionsregulation, also der Fähigkeit, belastende Gefühle bewusst zu reflektieren und konstruktiv zu lenken.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina19 betont explizit, dass Selbstregulationskompetenzen wesentlich für das Wohlergehen und die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sind, weil sie es ermöglichen, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, Ziele zu erreichen und Herausforderungen zu meistern – einschließlich derjenigen, die im digitalen Alltag auftreten, wie etwa beim Umgang mit sozialen Medien.

Jetzt nochmal ganz weit runtergebrochen: Selbstregulation ist wichtig, um im Leben Ziele erreichen zu können. Selbstregulation muss man aber lernen, besonders in einer Zeit, in der Ablenkungen allgegenwärtig sind und kurzfristige Reize – Likes, Nachrichten, Endlos-Feeds – kontinuierlich Aufmerksamkeit erfordern. Noch viel wichtiger: Selbstregulation muss man lernen, wenn man des Lernens fähig ist – in der Zeit der Adoleszenz.

Teenager brauchen soziale Kontexte, in denen sie Rückmeldung zu ihrem Verhalten bekommen. Sie brauchen Erfahrung, wann welche Impulse gesteuert werden müssen und sie brauchen Möglichkeiten zur Reflexion, damit sie verinnerlichen und verstehen, warum manche Entscheidungen ihnen langfristig nutzen und andere nicht. All das geht ihnen Verloren, wenn wir Social-Media kategorisch verbieten. Später werden wir uns dann wundern, warum die ganzen jungen Erwachsenen in jeder Frühstückspause am Handy hängen und keine Lernprozesse bei ihnen mehr möglich sind.

Partizipation

Als letztes möchte ich auf den Punkt zu sprechen kommen, der in der gesamten politischen Debatte völlig ausgeblendet wird. Partizipation bedeutet, Eltern und Kinder in die Verantwortung zu nehmen.

Vor über zehn Jahren habe ich Elternabende im Biblischen Unterricht eingeführt. Diese Abende laufen eigentlich immer gleich. Ich stelle das Programm vor, dass die Teenager sich selbst überlegt haben und erkläre dann ausführlich, was ich als Pastor alles nicht mit den Teenagern machen werde.

Den Eltern tut das gut. Immer wieder erlebe ich, wie ihre Ansprüche weit unter denen der Gemeindeleitung am runden Tisch liegen. Gleichzeitig nehme ich die Eltern aber auch in die Pflicht. Ich zeige ihnen auf, wie sie mit ihren Kindern Bibelverse lernen können, gemeinsam über Fragen diskutieren und welche Aufgaben sie nie an einen Pastor oder eine Pastorin delegieren können.

Eltern sollten Verantwortung behalten.

Ein Social-Media Verbot suggeriert den Eltern: „Der Staat regelt die Versuchung der bösen Onlinewelt.“ Elterliche Begleitung kann man aber nicht ersetzen. Grade in der Präpubertät werden Weichen gestellt, die entscheidend für das ganze weitere Leben werden. Wenn ein 15-Jähriges Mädchen mit ihrer Mutter nicht über Sexualität reden kann, ist etwas gewaltig schiefgelaufen.

Wäre es nicht eine Option, dass wir Eltern in groß angelegten Programmen helfen, ihre Kinder zu verstehen und ihre Lebenswelt auszuhalten? Die Bundesregierung schmeißt jedes Jahr unzählige Bücher, Videos und Beratungsangebote auf den Markt. Könnte da nicht mal etwas Niederschwelliges zur digitalen Begleitung dabei sein, ohne direkt alles zu problematisieren?

Wenn wir realistisch sind, begreifen wir, dass Kinder heutzutage frühzeitig mit nackter Haut und übergriffigen Nachrichten konfrontiert werden, ob aktuell auf Social-Media oder zukünftig im Darknet. Wir können die Welt nicht schlagartig verändern. Letztendes fragt niemand, ob uns das gefällt oder nicht. Wenn wir Eltern aber gradlinige Hilfestellungen an die Hand geben, können sie mit ihren Kindern frühzeitig über solche Inhalte sprechen und ihnen helfen, sich zu schützen.

Beziehung von Innen schlägt Kontrolle von außen. Immer.

Simon Birr

Es braucht aber nicht nur Beteiligung der Eltern. Insbesondere in Australien wurden Entscheidung ohne jegliche jugendliche Beteiligung herbeigeführt. Dabei sind sie diejenigen, die letztendlich betroffen sind.

Jugendliche haben eine Meinung.

Nein, ich denke nicht an Jugendparlamente und runde Tische, an denen letztendlich doch nur ein Haufen Nerds versammelt sein könnte. Wie wäre es aber mit subjektiven Meldefunktionen für Social-Media Plattformen? Ein Button über den eine 15-Jährige sofort eine Nachricht als belästigend einstufen kann, weitere Kommunikation radikal unterbindet und ihre Würde schützt?

Wie wäre es, wenn schon an Grundschulen Rollenspiele zum Umgang mit Cybermobbing zur Norm werden und die Kinder früh lernen, dass sie gehört werden? Wie wäre es, wenn wir die wirklich pathologisch betroffenen Jugendlichen einbeziehen und sie persönlich fragen, was ihnen eine Hilfe gewesen wäre?

Ganz ohne Grenzen geht es nicht. Alleine durch Jugendschutz und Datenschutz sind heute schon klare Grenzen formuliert. Wenn wir unsere Energie darauf setzen würden, solche Grenzen zu verfeinern und mit der Jungen Generation gemeinsam über derartige Grenzen nachdenken könnte sich ein Gesamtbild ergeben, das unsere Gesellschaft weit handlungsfähiger machen wird, als jegliche Form von radikaler Zensur, Kriminalisierung einer ganzen Generation und Verlagerung des sozialen Umfelds in die unkontrollierbare Tiefe des DarkNets.

Alle Alternativen sind besser, als ein Verbot.

Wenn wir über Social Media und Jugendliche sprechen, ploppt ganz schnell das Bild der Enkel auf, die nicht mehr mit ihren Großeltern sprechen, weil das Handy interessanter ist. Das nennt man Phubbing. Schlagworte wie Depression, Angst, Sucht und Vergleiche stehen im Raum. Studien zeigen auch Zusammenhänge, die Grenzen dieser Studien sind aber sehr Lückenhaft und wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet.

Wer wirklich Interesse an der kommenden Generation hat, hört auf, sich hier politisch vor der Wählerschaft präsentieren zu wollen und beschäftigt sich mit zentralen Grundbedürfnissen von Teenagern und Jugendlichen. Ein Social-Media Verbot mag entschlossen wirken. Eine Kompetenzstrategie hätte dagegen Wirkung.

Simon Birr, März 2026

Quellenangaben:

  1. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2024_91442
  2. https://mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM_Studie_2006.pdf“>https://mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM_Studie_2006.pdf
  3. https://www.vodafone-stiftung.de/jugendstudie-2025-social-media/
  4. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12108867/
  5. https://arxiv.org/abs/2507.17755
  6. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10042152/
  7. https://www.who.int/europe/de/news/item/25-09-2024-teens–screens-and-mental-health
  8. https://peerj.com/articles/15076/
  9. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12108867/
  10. https://www.sciencemediacenter.de/angebote/jugendliche-mit-psychischen-problemen-verbringen-mehr-zeit-auf-sozialen-medien-25084
  11. https://www.who.int/europe/de/news/item/25-09-2024-teens–screens-and-mental-health
  12. https://www.sciencemediacenter.de/angebote/jugendliche-mit-psychischen-problemen-verbringen-mehr-zeit-auf-sozialen-medien-25084
  13. https://www.vernetzungsstelle.de/kalender-2026/detailseite-november
  14. https://www.esafety.gov.au/about-us/industry-regulation/social-media-age-restrictions
  15. https://www.ft.com/content/45ed555e-4f14-4b86-8de7-69b8d6a388ec
  16. https://www.researchgate.net/publication/304035564_Social_Exclusion_in_Adolescence.
  17. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/topics/policy-issues/future-of-education-and-skills/learning-compass-constructs/Self-Regulation.pdf
  18. https://www.researchgate.net/publication/372397445_Self-Regulation_and_Cognitive_Emotion_Regulation_among_Adolescents
  19. https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2024_Stellungnahme_Selbstregulation.pdf

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