Endlich mal den Kopf freikriegen

Warum wir Orte brauchen, an denen wir einfach nur sein dürfen und den Kopf freikriegen…

Lesedauer: 5 Minuten

„Und, was machen wir da den ganzen Tag?“

Diese Frage begegnet mir fast jedes Mal, wenn ich die Details für die nächste Tour nach Korfu oder in die norwegische Weite verschicke. In einer Welt, die auf Effizienz und lückenlose Terminkalender programmiert ist, wirkt ein leerer weißer Fleck auf der Landkarte des Urlaubs fast schon bedrohlich. Die Leute erwarten ein Programm: 7:00 Uhr spiritueller Impuls, 8:00 Uhr Frühstück, 10:00 Uhr geführte Wanderung, Mittagessen, 14:00 Uhr Workshop zur Selbstfindung und Nachmittagserholung.

Auf diese Frage antworte ich in der Regel mit einem Satz. Er bleibt gleich, ob wir mit Teenagern in Norwegen oder mit Senioren auf der Flusskreuzfahrt sind. „Wir machen das, was uns Spaß macht!“

Eines habe ich über die Jahre gelernt: Echte Erholung findet nicht im Abarbeiten von Entspannungs-To-dos statt.

Die Tyrannei der „nützlichen“ Freizeit

Wir haben verlernt, Dinge zu tun, die einfach nur Spaß machen, ohne dass sie ein messbares Ergebnis liefern müssen. Selbst im Urlaub optimieren wir uns weiter: Wir wandern für die Fitness-App, lesen zwanghaft das Buch zuende, welches seit einem halben Jahr in der Ecke liegt. Wir meditieren für die Konzentrationsfähigkeit im Job und fotografieren für die Erinnerungen in der Cloud. Am Ende muss das Ganze natürlich noch für Social Media aufbereitet werden und selbst die Rückfahrt wird zum Stressfaktor, weil sich ein Videorückblick nunmal nicht von alleine erstellt.

Wenn ich sage, dass wir auf meinen Reisen einen Freiraum öffnen, dann meine ich nicht totale Passivität. Für Couchsurfing muss ich keine 3 Stunden im Flugzeug sitzen. Ich meine die Freiheit, das zu tun, was uns wirklich Freude bereitet. Für den einen ist das der Aufstieg auf einen namenlosen Gipfel in den Wildnis, so hoch bis die Lungen brennen. Für den anderen ist sind es zwei interessante Bücher, während die Sonne langsam hinter den Olivenhainen Griechenlands versinkt.

Selbst mein Thinkpad wird auf Reisen gezähmt.

Mein Thinkpad, also der Laptop, ist für mich das Tor zur Welt. Es ist mein Arbeitstier, meine Bibliothek und mein digitale Büro. Aber ich weiß, dass die digitale Dauerpräsenz uns eine Schicht über die Sinne legt. Wir erleben die Welt dann oft nur noch durch den Filter der Verwertbarkeit.

Mittlerweile sind wir in einer Zeit angekommen, in der wir uns diese Filter bewusst vom Gesicht reißen müssen. Auf privaten Reisen lasse ich sogar mein Smartphone zuhause. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, muss ich da natürlich für dich erreichbar sein. Ich entscheide mich aber täglich neu, keine Reels zu schauen und stattdessen in die Weite zu gucken.

In der norwegischen Wildnis oder an den rauen Küsten Albaniens gibt es keinen Empfeng für die Probleme, die uns zu Hause nachts wachhalten. Dort zählt der Wind im Gesicht, die Temperatur des Wassers und gute Gespräche am Abend. Das ist keine Weltflucht, es ist Rückkehr in die wirkliche Realität.

So wird auch das Thinkpad extrem gezähmt. Manchmal reizt es mich total. Endlich ist mal etwas Ruhe, da könnte man ja noch dies oder jenes erledigen. Hier ein paar Buchungen, dort noch was für die Steuer. Wer weiß, wann man jemals wieder so gut Zeit hat? Nein, das darf nicht sein. Mein Freund ist zwar dabei, wird aber nur für die allernötigsten Dinge angeschaltet. Der Rest muss warten, bis der Alltag wieder einkehrt.

Wenn die Realität mehr kickt, als alle Sorgen

Man muss kein religiöser Mensch sein, um zu spüren, dass große Landschaften etwas mit unserem Inneren machen. Psychologen nennen es den „Awe-Effekt“ – das Staunen.1 Wenn wir vor der schieren Wucht eines Fjords stehen oder in das endlose Blau des Ionischen Meeres blicken, rücken die Proportionen wieder gerade.

Unsere Alltagssorgen, die uns im Büro wie unbezwingbare Berge vorkommen, schrumpfen auf das Maß, das sie wirklich haben. Das ist die Art von Seelsorge, die ich liebe: Sie kommt ohne große Worte aus. Sie passiert einfach, während wir draußen sind und das tun, was uns Spaß macht.

Ok, ich weiß. Eigentlich müsste ich dafür gar nicht auf Reisen gehen. Die Stadtmenschen haben es an dieser Stelle zwar etwas herausfordender, ich selbst bräuchte aber maximal 20 Minuten zu Fuß bis zum nächsten Awe-Moment. Auch zuhause können wir staunen, genießen und unser Leben entwickeln. Wir tun es aber meistens nicht.

Manchmal braucht man halt erst drei Stunden auf der Fähre, um sich wieder erlauben zu können, die unüberwindbaren Sorgen bei Seite zu lassen. Eigentlich hatte Jesus das vor knapp 2000 Jahren schon ziemlich gut formuliert: „Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“ 2

Gemeinschaft ohne Gruppenzwang

Ein entscheidender Punkt meiner Reisen ist immer wieder die Gruppe. Aber auch hier brechen wir mit dem Standard. Wir sind kein „Reisegruppenzwang-Kollektiv“. Wir sind eher eine Schicksalsgemeinschaft auf Zeit. Wir teilen den Tisch, wir teilen das Bier oder die Cola auf Jugendreisen und wir teilen unsere wichtigen Wege. Trotzdem hat jeder hat das Recht auf sein eigenes Zeitmanagement.

Echte Gemeinschaft entsteht dort, wo man sich nicht verstellen muss. Da, wo es völlig okay ist, beim Abendessen mal eine Stunde lang nur zuzuhören, weil der Kopf noch voll von den Eindrücken des Tages ist. Oder da, wo man bis tief in die Nacht über Gott und die Welt philosophiert, weil die Umgebung endlich den Raum dafür lässt.

Echte Gemeinschaft bedeutet aber auch, dass man Grenzen setzen darf. Lieber ein Tag mehr am Strand, als der Ausflug in die Klöster? Kein Problem, ich werde dich nicht zwingen. Wobei, naja, wenn du Teilnehmerin auf einer Teenagerfreizeit bist, werde ich dich nie ganz alleine lassen, da gilt ja noch sowas wie Aufsichtspflicht und so. Grundsätzlich wirst du aber nie von mir zu etwas gezwungen, was dir völlig gegen den Strich geht. Es gibt Duzende ehemaliger Teenager, die dir von faszinierenden Sondererlebnissen erzählen können.

Das Ziel: Freier Kopf und volles Herz

Wenn wir nach einer Woche von einer Reise zurückkehren, möchte ich nicht, dass du sagst: „Ich habe viel gelernt.“ Ich möchte, dass du sagst: „Ich habe mich wieder gespürt.“

Wir suchen keine Erleuchtung nach Fahrplan. Wir suchen die Momente, in denen die Zeit kurz stehen bleibt, weil wir genau das tun, was uns in diesem Augenblick erfüllt. Ob das ein Sprung ins kalte Wasser ist, ein stiller Moment in einer kleinen Kapelle am Wegrand oder das Lachen mit Menschen, die vor drei Tagen noch Fremde waren.

Natürlich kann man sowas nicht einfach machen. Ich habe aber in den letzten 20 Jahren gelernt, welche Weichen man stellen kann, um diese Erlebnisse in erreichbare Nähe zu bringen. Genau das ist mein Versprechen für einen Urlaub mit Simon Birr. Orte der Freiheit. Keine Schubladen, keine Masken. Dur du, die Weite und das, was wirklich wichtig ist.

Quellenangaben:

  1. https://netlibrary.aau.at/obvuklhs/download/pdf/9005956
  2. Matthäus 6,34

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