Mein Start ins Jahr – Rückblick statt Planung

Wenn ich auf das Ende eines Jahres schaue – und es sind nun viele Jahre, in denen ich das bewusst tue – dann sehe ich nicht einfach nur einen Kalenderwechsel. Ich mache einen Rückblick. Ich sehe einen Lebensbogen, der sich schließt und zugleich einen neuen öffnet. Chancen, Risiken, das, was wir mitbringen und das, was wir loslassen müssen. Schließlich sehe ich nach alldem die Zukunft, das wohin ich mich entwickeln möchte.

In den vergangenen Jahren habe ich zu Silvester und Neujahr immer wieder dieselben Beiträge gepostet. Sie waren in einer bestimmten Zeit auch gut und sicher für viele hilfreich. Mittlerweile hat sich eine Menge verändert. So denke ich, ist der Start in dieses Jahr auch eine gute Gelegenheit meinen Lesern und Leserinnen zu zeigen, wie sich Dinge bei mir verändert haben.

In meinem Postfach lagen auch dieses Jahr wieder hunderte Nachrichten zum Jahreswechsel – Ideen, Anregungen, Fragen zur Reflexion, zur Planung, zu Zielen. Viele gut gemeint, viele hilfreich, aber nur wenige verstehen, wie mein Leben heute tatsächlich aussieht. Ich bin nicht mehr nur Pastor, sondern auch Selbstständiger und Betreiber eines Jazz-Cafés. Also bewege ich mich zwischen den Jahren inmitten der Realität von angeheiterten Grenzgängern, späten Abenden, Steuerabschlüssen, Buchungsarbeiten und wirtschaftlichen Herausforderungen. Alles natürlich neben den geistlichen Anliegen, die alleine schon weihnachtlich bedingt in dieser Zeit nicht zu verachten sind.

Wie schließt man also ein Jahr gut ab und fängt ein neues Jahr gut an? Strukturiert, bewusst, auf allen Ebenen passend?

Rückblick: Mehr als nur Zahlen

Es ist unglaublich wichtig, zurück zu blicken. Es ist auch eine gute Tradition, dies zwischen den Jahren zu tun, wenn die meisten von uns ein Stück weit aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Hier darf man aber nicht stehen bleiben. Wenn ich nur meine paar Gedanken aus dem Jahresabschluss von 2025 als Controlling für mein Jazzcafe nutzen würde, wären wir wahrscheinlich bald am Ende.

Ein Jahresrückblick besteht aus mehreren Schichten. Es geht nicht nur um Zahlen und Fakten, sondern um uns als ganze Menschen. Also gehe ich (wie aus den letzten Jahren gewohnt) in drei Schritten durch die Reflektion.

Die emotionale Wahrnehmung ist für mich der erste Schritt im Rückblick: Wie habe ich mich gefühlt? Was hat mich bewegt, inspiriert, verletzt oder erstaunt? Dabei hilft die Frage: Was ist mir aus dem vergangenen Jahr im Kopf geblieben?

Vielleicht stößt du schon direkt auf dein großes Thema. Vielleicht sind es aber mehrere Gedanken. Nimm dir Zeit, monatsweise zu reflektieren – erstmal sogar ohne Kalender, nur mit Gefühl und Erinnerung. Negative Erlebnisse verblassen nicht von allein; sie müssen gesehen und eingeordnet werden. Positive Momente sind sicher auch noch in Erinnerung und dürfen gefeiert werden!

Im zweiten Schritt gehe ich an die sachliche Wahrnehmung: Schau dir deinen Kalender ganz nüchtern an. Guck auf deine Projekte und Termine, die Liste deiner privaten und geschäftlichen Events. Spätestens an Silvester merke ich persönlich, dass es dieses Jahr wirklich große Highlights gewesen sind. Auf meinem Schreibtisch liegen während ich diese Zeilen tippe alleine fünf Schallplatten von internationalen Künstlern, die im Bebop gespielt haben. Davon war bei mir schon einiges in Vergessenheit geraten, weil manche Emotion dann doch überlagerte.

Ja, das ist manchmal leider so. Wir hatten beispielsweise ein herausragendes Free-Jazz Konzert im Haus. Ok, ich weiß, nicht jedermanns Sache. Muss es auch nicht sein. Ich habe aber so gut wie keine Erinnerung an diese hohe Kunst, weil ein dummer besoffener Trottel die ganze Zeit genervt hat und ich mich um den kümmern musste.

Die nüchterne Durchsicht deines Kalenders, deiner Projekte und Termine, die Listen von Begegnungen, Veranstaltungen, Beratungen, Steuererklärungen, Einnahmen und Ausgaben – die zeigen am Ende die harte Realität: Es ergibt sich ein reales Bild des Jahres. Nicht nur das, was im Gefühl hängen geblieben ist.

Grade in der Gastronomie ist es unglaublich wichtig, das reale Ganze emotionslos anzusehen. Manchmal gibt es totale Highlights und manchmal tote Tage. Wenn ich mich davon treiben lassen würde, wäre der Laden schon längst zu. Deswegen immer erst Emotion, dann Realität.

Am Ende dieser beiden Phasen entsteht ein Fazit. Negative Erlebnisse werden relativiert. Positive Erlebnisse werden hervorgehoben. Wahrnehmung wird durch Reflektion ersetzt. Was war gut, was war herausfordernd, wo sehe ich wiederkehrende Muster? Was will ich feiern – und was nicht mehr wiederholen? So kann ich Lernfelder ausmachen, die im kommenden Jahr umgesetzt werden.

Leitfragen:

  • Womit bin ich zufrieden / unzufrieden?
  • Was war in Übereinstimmung mit meinen langfristigen Zielen?
  • Wo muss sich dringend etwas ändern?
  • Was will ich so weiterverfolgen?
  • Was feiere ich?

Am Ende: Konkrete Lernfelder! Aus all diesem Überlegen ergeben sich am Ende meines Rückblicks zum Ende des Jahres konkrete Lernfelder. Meist dreht sich alles um zwei, drei oder vier Bereiche meines Lebens. Das sind die Lernfelder, die für das kommende Jahr wichtig werden sollen. Kleiner Tipp am Rande: Vor zehn Jahren hätte ich noch drauf geschworen, mindestens drei Felder benennen zu müssen. Mittlerweile reicht mir ein großes Lernfeld, damit komme ich in meinem Leben deutlich weiter. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Ausblick 2026: Chancen, Herausforderungen, Verantwortung

Das neue Jahr verlangt mehr als gute Vorsätze. Es fordert von jedem, der Verantwortung trägt – für sich, für Mitarbeitende, für Kundinnen, Kunden und auch für Kiche/Gemeinde eine klare Analyse der Herausforderungen, die vor uns liegen. Nach dem Rückblick muss also der Ausblick ins neue Jahr folgen. Dazu gibt es viele tolle Menschen, die sich Zeit genommen haben und etwas geschrieben haben. Hier mal einige Schlagpunkte:

1. Wirtschaftliche Realität und Unsicherheit

Viele Wirtschaftsexperten warnen davor, dass 2026 wirtschaftlich schwierig bleiben könnte, mit schwacher Nachfrage, möglichen Jobkürzungen und anhaltender Unsicherheit in vielen Branchen. Diese Ungewissheit erschwert langfristige Planung – gerade für kleine Unternehmen, Gastronomen und Selbstständige.

2. Erlebnis-Ökonomie und erhöhte Gästebedürfnisse

Gäste wollen nicht nur Getränke im Bebop, sondern Erlebnisse: Immersive Konzepte, Storytelling über Cocktails und Longdrinks, Social-Media-wertige Momente und kulturelle Angebote werden zunehmend zu Kriterien, die darüber entscheiden, ob ein Betrieb im Gedächtnis bleibt – und dann regelmäßig besucht wird.

3. Gesellschaftlicher Wandel, politische Polarisierung und Orientierungslosigkeit

Nicht nur Kirchen und Gemeinden, auch Orte der Begegnung wie ein Jazz-Cafe, werden 2026 zunehmend gefordert sein, in einer Zeit gesellschaftlicher Spannungen Orientierung zu geben. Wie denken wir zu politischen Strömungen, sozialen Fragen und insbesondere dem Zusammenleben in pluralen Gesellschaften. Diese Rolle als moralische Instanz wird erwartet, grade wenn man sich Pastor nennt, doch prallen häufig Erwartungen und tatsächliche Wahrnehmung aufeinander.

4. Medienlandschaft, Narrativ-Kontrolle und öffentliche Wahrnehmung

In einer mediengeprägten Gesellschaft – wo Dokumentationen über „hippe Missionare“, Glaubensfiguren oder moderne Spiritualität große Aufmerksamkeit bekommen – stehen kirchliche Akteure vor der Herausforderung, wie sie wahrgenommen und wie ihre Botschaft verstanden wird. Digitale Öffentlichkeit beeinflusst zunehmend, was Menschen über Kirche „wissen“, bevor sie je eine Gemeinde betreten haben.
(Untersuchungen zu Religious Mediatization zeigen, dass Medien nicht nur Information transportieren, sondern religiöse Narrative formen – und dabei kirchliche Autorität infrage stellen oder neu interpretieren.)

5. Künstliche Intelligenz auf der Überholspur

Auch 2026 sehen wir weiterhin eine rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, die nicht nur Arbeitsprozesse in Gastronomie und Selbstständigkeit verändert (Automatisierung, Planung, Kommunikation), sondern Gemeinden vor eine neue geistliche und ethische Herausforderung stellt: Wie bleibt Glauben glaubwürdig, Beziehung echt und Verantwortung menschlich, wenn Sinn, Antworten und Inhalte zunehmend von Maschinen generiert werden?

Ja, liebe Pastorenkollegen, ich gucke regelmäßig YouTube-Predigten. Im letzten Jahr war ich nicht nur einmal und auch nicht nur zehnmal zutiefst schockiert, wie jemand eine Predigt, die von ChatGPT generiert wurde, einfach dreist vorlesen kann und dafür knapp 600 Euro kassiert. Macht bitte wenigstens eine vernünftige Schulung, bevor ihr da eure Reputation und euren Job riskiert.

Was machen wir damit?

Fünf ganz reale Trends. Man muss keine fünf Minuten Googlen, um sie zu verifizieren. Es gibt sogar noch viel mehr. Trends darf man aber nicht nur als besorgniserregende Risiken verstehen. Sie sind vielmehr Impulse. An ihnen können wir uns neu ausrichten, wichtige Prioritäten setzen und einen echten Mehrwert für unsere Gesellschaft bieten.

Drei Leitworte für ein fokussiertes Jahr

Vor vielen Jahren begann ich, – statt einer ellenlangen To-Do-Liste – drei Worte zu wählen, die das kommende Jahr prägen sollen. Diese Worte schreibe ich auf mein Visionsboard und in mein Lebensbuch. Sie sind nicht öffentlich, aber sie sind die Orientierung, die mich durch ein Jahr trägt.

Im vergangenen Jahr war mein Wort Gehirnversteher. Was das genau heißt, sag ich dir nicht. Ich habe aber wieder einmal gelernt, dass ein solches Wort wie ein Magnet wirken kann. Es lenkt die Aufmerksamkeit, entscheidet Prioritäten und strukturiert Entscheidungen.

Wenn ich drei Worte für Kirchen in 2026 formulieren müsste, kämen Balance, Resilienz und Offenheit gewiss in der einen oder anderen Weise vor. Dies wäre eine kleine Idee, die mir beim Rückblick kam.

Es soll hier jetzt aber wirklich nicht um endgültige Festlegungen gehen. Ich möchte, dass du nochmal verstehst, was ich tue:

Am Ende des Jahres und zu Beginn des neuen Jahres fokussiere ich mich. Es geht um Rückblick und Ausblick. Ich mache keine Jahresplanung, ich gehe nicht in neue Kalkulationen. Das alles muss regelmäßig unterjährig laufen. Ich reflektiere einzig und allein zu erst was war und formuliere daraus was sein soll. Drei Worte braucht es, um ein ganzes Jahr sauber zu prägen.

Du hast ein Lernfeld entdeckt? Mach ein Wort daraus, schreibe es auf und klebe dir den Zettel mit diesem Wort gegenüber deiner Toilette an die Wand. Du wirst dann hunderte Male im kommenden Jahr an dein Lernfeld erinnert.

Du stehst dieses Jahr vor einer besonderen Herausforderung? Einer großen Prüfung, einer neuen Arbeitsstelle, einer anderen Veränderung? Fasse sie in einem Wort zusammen, schreibe dir das Wort auf und klebe es an deine Kaffeemaschine. Dann wirst du jeden Morgen an das erinnert, was dieses Jahr wirklich zählt.

Ob es am Ende dann wirklich drei Worte sind, oder zwei, oder vier – das ist dein persönliches Ding. Nach mittlerweile fünfzehn Jahren als Pastor möchte ich dir einfach nur mitgeben, dass der gute Fokus immer wieder viel wertvoller ist, als jedes kleine Feuerchen selbst löschen zu müssen.

Fazit: Mehr als ein Jahreswechsel

2026 ist kein symbolischer Neuanfang – es ist ein Aufbruch. Ein Jahr, in dem ich mit klarem Rückblick, mit wirtschaftlicher Verantwortlichkeit und mit geistlicher Orientierung leben und arbeiten will. Ein Jahr, in dem ich nicht nur reagiere, sondern bewusst gestalte: Meine Arbeit, meine Beziehungen, mein Leben.

Schreib mir gerne in die Kommentare:

Wie lief dein Rückblick?
Was sind deine drei Worte für 2026?
Und was hast du aus deinem Rückblick gelernt?

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